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punktierte Linie

Eine Portion Zahlenpolemik

Von Nikoletta Zambelis | Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.

Statistische Zahlen eignen sich hervorragend, um eigene Argumente, egal wie falsch sie sind, zu untermauern und andere damit zu manipulieren. Ins Horn der aktuellen Gender-Diskussion stieß folgende Verlautbarung, die auf einem öffentlichen Bildschirm zu lesen war: 38 Prozent der Männer grillen, aber nur jede vierte Frau. Das klingt natürlich nach dramatischer Diskriminierung, die durch das „nur“ erst so richtig an Schwere gewinnt. Es dauerte auch nicht lange, bis ein neben mir sitzendes Pärchen den Ball aufnahm und sich flugs in einer Gleichbehandlungsdiskussion wieder fand. Fazit des jungen Mannes: Eh klar, Männer können einfach besser Feuer machen (das war schon immer so), und nun habe man es endlich bewiesen. Die Dame an seiner Seite, sichtlich pikiert: „Und von den Salaten und Saucen redet wieder niemand. Die muss ja auch jemand machen, während ihr am Grill steht.“ Die Gender-Debatte ist also um eine weitere Facette und einige zerstrittene Pärchen reicher.

Die Statistik, wie so viele zu anderen Themen auch, dafür um mehrere Stufen an Ehrlichkeit und Transparenz ärmer.

Allen die rechnen können, muss beim Betrachten dieser Zahlen sofort aufgefallen sein, dass 38 Prozent und „jede vierte“ kein großer Unterschied trennt. Aus zehn Personen gezogen sprechen wir so von 3,8 Männern und 2,5 Frauen. Dieser 1,3-Mann kann von mir aus gerne den Grillmeister

Meinung

mimen, wenn er das Teil danach wieder putzt. In jedem Fall ist der Unterschied nicht groß genug, um das wertende Wörtchen „nur“ anwenden zu dürfen.

Weiter gedacht, stellt sich dann auch die Frage, aus welcher Menge denn die Zahlen erhoben wurden. War die Anzahl der befragten Männer gleich groß wie jene der Frauen, wie sieht es mit Altersgruppen aus, und wie hat man überhaupt befragt? Was der Interviewer (oder war es eine Sie) unter „grillen“ im Detail versteht (offenes Feuer auf Gas oder Kohle oder gar Grillen im Heißluftofen?), bleibt ebenso im Verborgenen wie die Frage: „Gab es unter den Befragten Berufsköche?“ Denn wenn zum Beispiel alle befragten Frauen Berufsköchinnen waren, ist die Information „nur jede vierte grillt“ eine Aussage über Gastronomiekonzepte – und nicht über Gleich(be)handlung.

Statistiken dieser Art bekommen wir tagtäglich vorgesetzt. Nach Wahlen, zur Genderthematik, in Migrationsdiskussionen und zum Arbeitslosenproblem. Man liefert uns Prozentsätze, die uns entweder aufregen, mobilisieren oder beruhigen sollen. Und das gelingt, wie das Grill-Beispiel deutlich macht, hervorragend. Diese Art Manipulation wird erst dann aufhören, wenn wir beginnen zu hinterfragen anstatt ungefiltert nachzuplappern. Schließlich haben 100 Prozent von uns ein Hirn. Und theoretisch könnten es davon auch 100 Prozent verwenden.