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Jeder ist
ersetzbar…

Von Nikoletta Zambelis | …und der hohe Preis dieser Haltung.

Große Konzerne wie Daimler und Bosch setzen verstärkt auf langjähriges Expertentum und greifen dafür auf ihre Pensionisten zurück. In unterschiedlichen Arbeitsmodellen wird so Fachwissen und Routine wieder ins Unternehmen zurück geholt. Die Herzen der sogenannten Seniorexperten und von deren Standesvertretern jubeln. Endlich werden Detailwissen und jahrelange Erfahrung anerkannt und wiegen wieder deutlich schwerer als „zu teuer, weil alt“.

Doch was auf der einen Seite der Medaille so euphorisch glänzt und funkelt, täuscht auf der anderen nicht über eine Reihe von Managementfehlern hinweg, die zu eben diesen Wissenslücken in den Betrieben geführt haben.

Der Grundfehler könnte die bis heute wirkende Haltung „Jeder ist ersetzbar“ sein. Hatte diese Einstellung als Gegenpol zu gewerkschaftlichem Druck und als Keule gegen Streikdrohungen ursächlich vielleicht ihre Berechtigung, so zeugt sie ex post nicht nur von fehlendem Respekt, sondern auch von einigermaßen fehlendem Weitblick. Im Lichte der „Re-Inklusion“ pensionierter Mitarbeiter wird deutlich, dass die Sache mit dem Ersetzen wohl doch nicht so glatt lief und den hohen Preis des Know-how-Verlusts kostete.

Meinung

Und wenn wir über Preise sprechen, drängt sich zwangsläufig die Frage auf, ob ständig steigende Gehälter der Weisheit letzter Schluss sein können. Die Grenzen dieser Systematik werden spätestens da sichtbar, wo Manager zur Schönung der Bilanzen und zur kurzfristigen Rettung des eigenen Stuhles alte hochbezahlte Mitarbeiter gezielt durch billigere und damit Jüngere und Unerfahrenere ersetzen (müssen). Schließlich ist ja jeder ersetzbar. Die so betriebene Verdünnung von Wissen und Kompetenz lässt sich noch toppen, indem weder Rahmen noch Strukturen für Einschulungs- und Übergabephasen vorgesehen werden. Wer in der Art zum Beispiel den Key-Account-Manager, der alle Kundendaten und -konditionen im Kopf hatte, ziehen lässt (oder gar verjagt), ohne sicher zu stellen, dass sein Know-how im Unternehmen verbleiben kann, zahlt dafür früher oder später teures Bußgeld.

Wenn nun Senioren wieder zurückgeholt werden, um die so entstandenen Wissenslücken zu füllen, lässt das einen reuigen Kniefall vor einst gemachten Fehlern vermuten. Doch wer jetzt meint, dass späte Reue besser sei als keine, der irrt. Denn behandelt wird derart nur das Symptom und nicht der Virus, der weiter wütet und bereits die Junioren infiziert hat, die sich ihrerseits inzwischen über ihre Arbeitgeber denken: „Jeder ist ersetzbar.“