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punktierte Linie

Phönix aus
der Asche

Von Nikoletta Zambelis | …und Asche auf mein Haupt.

Das letzte „Phoeniiiiiiiiiiiiiiiiiiix“ hing noch in der Luft, da wurde ich schon von der Presse zerrissen. Also natürlich nicht ich persönlich, sondern stellvertretend für all jene, denen die Metamorphose von Tom Neuwirth zu Conchita Wurst nicht wurst war. Als Wendehälse wurden wir beschimpft, die zu Beginn seine Langhaar-Bart-Abendkleid-Auftritte kritisch kommentierten und am 10. Mai heulend vor Ergriffenheit und frenetisch jubelnd ihren Sieg feierten.

Ja ich gebe zu, als ich Tom vor einem gefühlten Jahr zum ersten Mal in Bart und Abendkleid wahrnahm, war mein erster Gedanken: Manchen Leuten ist auch nichts zu blöd, um Aufmerksamkeit zu erregen. Und ich gebe weiter zu, dass ich das auch heute noch so sehe. Ich glaube schlicht nicht daran, dass die ursprüngliche Intention, das Alter Ego Conchita derart auszustatten, einem rein altruistischen Akt zur Förderung von Toleranz und Nächstenliebe entsprang. Realistischerweise betrachtet hätte dieser Schritt auch gehörig danebengehen können, und statt wie Phönix aus der Asche zu steigen, wäre er eine belächelte mediale Eintagsfliege geblieben. An der Stelle also skeptisch gewesen zu sein, ist noch keine Schande. Zwischenzeitlich ist es Herrn Neuwirth

Meinung

jedoch gelungen, mit viel Courage und Beharrlichkeit seine zweite Identität Conchita zu etablieren. Gegen alle Widerstände und Verurteilungen ist er seinem Weg treu geblieben und hat sich mutig und offensiv als Marke etabliert. Dafür bewundere ich ihn und sie aufrichtig und zolle ihnen beiden volle Anerkennung. Den Sieg hätte es für meine ehrliche Bewunderung und meine geänderte Sichtweise gar nicht gebraucht.

Und nun frage ich Sie, hätte ich kein Wendehals sein und in meiner ursprünglichen Haltung verharren sollen? Hätte es mich als reifen und reflektierten Erwachsenen ausgezeichnet, die Leistungen von Neuwirth-Wurst nicht zu würdigen, weil ich seine Inszenierung anfangs kritisch sah? Die Botschaft, die uns alle seit vergangenem Samstag umwehen sollte, ist doch jene von Toleranz und Offenheit. Die eigene Meinung ändern zu können und nicht in Altem zu verharren, ist aus meiner Sicht gelebte Toleranz und erfordert Mut und Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung. Wenn ich deshalb ein Wendehals bin, bitte gerne. Ich wünschte, es gäbe mehr davon. Eines möchte ich dazu noch ergänzen dürfen: Der Bart gefällt mir immer noch nicht, und ich hoffe, das zu sagen, grenzt seit Phönix nicht an Vaterlandsbeleidigung.