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Die Hand, die
einen füttert

Von Nikoletta Zambelis | Von Tagelöhnern und Hyänenrudeln in der Wirtschaftskammer.

Die Hand, die einen füttert, zu beißen, ist ausgesprochen dumm. Aber die Zähne in gleich beide fütternden Hände zu schlagen, ist eine Selbstoffenbarung, für die derart handelnden Menschen fast Dank gebührt. Denn so machen sie wenigstens offensichtlich, wessen Geistes Kinder sie sind.

Wenn der nunmehrige Ex-Vizepräsident der österreichischen Wirtschaftskammer, Fritz Amann, die „neuen EPUler“ als Tagelöhner bezeichnet, dann fühle ich mich nicht nur als hart schuftendes und über Gebühr Abgaben leistendes Einpersonenunternehmen getroffen, sondern auch als zahlendes Zwangsmitglied eines Vereines. Wie komme ich dazu, von meinem sauer erarbeiteten Salär Vereinshäupter mit zu bezahlen, die mich dann auch noch beleidigen? Aus jedem anderen Verein würde ich schlagartig austreten, doch wo bitte ist der Ausgang aus der WKÖ?

Gleichzeitig sagt Amanns Entgleisung auch viel über jene Partei, die ihn in diese Funktion entsandt hat. Denn einzig mit dem Zweck, politisches Kleingeld zu machen, auf anderen Menschen herum zu trampeln, ist zwar nichts Neues aus der FPÖ-Ecke, wird davon aber nicht besser. Es mag ja stimmen, dass es unter EPUlern solche gibt, die, erzwungen oder freiwillig, auf diese Weise der Arbeitslosenstatistik entfliehen. Bei den Kosten, die man als EPU zu tragen hat, kann man allerdings

Meinung

kaum vom „Gewinnen“ einer sozialen Absicherung sprechen, sondern müsste sie korrekterweise als „teuer erkauft“ bezeichnen. Doch wie sonst sollten Menschen ticken, die auch glauben, dass Migranten gerne ihr Heimatland, ihre Familien, Freunde, Sprachen und Kulturen verlassen, nur um sich im fernen Österreich sozial „verwöhnen“ zu lassen.

Das macht zwangsläufig auch die Geisteshaltung jenes Vereins deutlich, der Personen wie Amann eine hohe Funktion und damit Bühne bietet. Herr Amann wird vermutlich nicht just am 5. Mai, dem Vorabend seines Gastkommentars, einer Eingebung gefolgt sein, die ihn letztlich seine Funktion kostete. Viel eher ist zu vermuten, dass er seiner Gesinnung unter seinen Kammerkollegen schon öfter und auch vor seiner Inthronisierung Ausdruck verliehen hat. Dennoch brachte er es zum zweithöchsten Kämmerer im Lande. Da nützt es nun wenig, wenn andere Kämmerer jetzt Empörung mimen und ihn zum Rücktritt gedrängt haben. Sie ließen ihn ja schließlich vorher auch gewähren. Mitgefangen, mitgehangen, möchte man da sagen, oder anders ausgedrückt: Jeder Verein hat die Häupter, die er verdient.

Dank Herrn Amann kennen wir uns nun wenigstens auch in der Kammer aus: Kein Hund, und mag er noch so scharf sein, beißt beide fütternden Hände. Es sei denn, er lebt in einem Hyänenrudel.