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Zynismus-Weltstadt Innsbruck

Von Nikoletta Zambelis | Fürst Rudolf will „Tag und Nacht“ Marokkaner „jagen“.

Nicht nur so manche Mauerreste in Innsbrucks Altstadt lassen Erinnerungen an das Mittelalter aufkommen, sondern auch die Rufe eines wieder im rechten Lager aufgenommenen Landesfürsten.
Zur allgemeinen Einstimmung auf das Thema erinnere ich kurz daran, dass das Mittelalter jene düstere Zeit war, in der eine Kloake durch die Gassen rann, die Pest halb Europa in Geiselhaft hielt und, mit Ausnahme einiger reichen Landes- und Kirchenfürsten, der Mensch wenig zu lachen hatte. Der medizinische Fortschritt dieser Zeit ließ mehr Menschen sterben als überleben, Bildung war einigen wenigen vorbehalten und der Begriff soziale Sicherheit war noch nicht erfunden.

In jene Zeit also möchte uns Fürst Rudolf nun wieder zurückversetzen, wenn er laut tönt, wer aller aus der Stadt getrieben gehört. Denn so ging man im Mittelalter mit jenen um, die nicht ins Stadtleben passten. Mauern und Tore bewährten sich da hervorragend, um alle jene, die man nicht in der Stadt haben wollte, hinaus zu jagen und, was noch viel besser war, nicht wieder herein zu lassen. Was

Meinung

dann im sumpfigen Umland aus den Menschen wurde, war ja nun wirklich nicht des Fürsten Problem.

Den Umstand von mehr als 800 Jahren menschlicher und soziologischer Weiterentwicklung muss Fürst Rudolf irgendwie verpasst haben. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er erst Bettler verjagen und nun Marokkaner „Tag und Nacht jagen und aus der Stadt vertreiben“ will. Zwischenzeitlich wurden nämlich zivilisiertere Wege entwickelt, die es einer Gesellschaft möglich machen sollten, mit Störungen und Gesetzesbrechern aufgeklärter umzugehen und mit anderen Lebensmodellen friedlich zusammenzuleben. Möglicherweise haben sich diese Modelle noch nicht bis in die Burg derer von Federspiel durchgesprochen, vielleicht sind es auch die Reste alter Stadtmauern, die Fürst Rudolf zu so mittelalterlichen Methoden inspirieren. Vielleicht ist es aber auch der blanke Zynismus, der ihn treibt, und der in unserer Stadt eigentlich auch keinen Platz mehr haben sollte.