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Ein Blick sagt mehr als 1000 Taten?

Von Nikoletta Zambelis | Ist unser Rechtssinn schon dermaßen vernebelt?

Nun ist es zwar schon ein Weilchen her, dass Uli Hoeneß mit seiner Steuerhinterziehung für Aufsehen sorgte, doch die Reaktionen auf seine Verurteilung machen einen Blick in den Zauberspiegel unbedingt erforderlich.

Eigentlich war er doch echt ein Superspezi, ein toller Präsident eines noch viel tolleren Fußballklubs, tönt es bedauernd aus so manchem Männermund. Karitativ war er außerdem, und fesch, na ja, attraktiv ist er schon, echoen die Damen hinterher. Irgendwie ungerecht, dass so einer jetzt so hart bestraft wird, oder?

Ich bin mir nicht sicher, ob es das Fernsehen mit seinen klischeehaft schönen Gutmenschen einerseits und aknevernarbten, ungepflegten Gangstern andererseits ist, das unseren Rechtssinn so vernebelt hat. Oder aber unsere werbungsunterstützte Phantasie von „schön ist gleich korrekt“ spielt uns hier üble Streiche. Selbst jene, denen zu Uli Hoeneß nicht gerade „schön“ einfallen würde, geraten in mitleidiges Schwärmen über den Unglücksraben Guttenberg, der seinen Hut

Meinung

als Minister nehmen musste, weil er bei seiner Doktorarbeit halt ein bisschen abgeschrieben hat. So ein toller Minister wie der war, und so fesch obendrein. Mein Gott, so ein bisschen geflunkert haben wir doch alle schon einmal. Aber, dass er dafür gleich hinausgeschmissen wird, ist doch wirklich ein bisschen hart.

Es macht den Eindruck, als ob wir uns vom Ausdruck schöner Menschen so blenden lassen, dass wir vergessen wollen, was Recht und Unrecht ist. Offensichtlich sind wir durchaus bereit, ein Auge zuzudrücken, wenn jemand fesch rüber kommt. Sollte uns das nicht zu denken geben? Mag eine abgeschriebene Doktorarbeit noch nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten, doch wo ist dann die Grenze? Wer selbst Steuerhinterziehung schönheitsbedingt verzeihen könnte, sollte eines nicht vergessen: Die meisten Diktatoren der Geschichte kamen auf dieselbe Weise, nämlich auf Kosten anderer zu ihren Reichtümern. Dass sie damit den Menschen nicht nur Gutes taten, füllt die Geschichtsbücher. Und hässlich waren davon auch nicht alle.