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punktierte Linie

Selbstjustiz des Steuerzahlers

Von Nikoletta Zambelis | Justitias Blindheit ist beängstigend.

Angesichts einer Zahlungsaufforderung des Finanzamtes entfuhr meinem Liebsten: „Aber sicher nicht! Die sollen zuerst einmal bei den Gaunern abkassieren. Wenn der KHG und die ganze Bagage des Hypo-Desasters zur Kassa gebeten worden sind, dann zahl‘ ich auch wieder.“ Ja, wenn schon der heilige Florian auslässt und statt des Nachbarn Haus das eigene ins Visier nimmt, muss man sich doch wehren dürfen.

Die Emotion ist nachvollziehbar, und wen hätte es nicht selber auch schon so oder so ähnlich gelüstet? Es ist schwer zu akzeptieren, dass man selber als rechtschaffener Bürger Monat für Monat sein hart verdientes Gerstl mit dem Fiskus teilt, während andere die Millionen, die ihnen oft auf mysteriöse Weise in den Schoß fielen, an der Finanz vorbeischleusen. Da kann einem schon der Kragen platzen. Doch wird man selber gesetzestreuer, indem man die Gerechtigkeit selber

Meinung

in die Hand nimmt und die Begleichung der eigenen Steuerschuld vom Funktionieren des Rechtssystems abhängig macht?

Vielmehr begibt man sich doch auf dasselbe Niveau wie die eben noch Beschimpften. Und schlimmer noch: Derart praktizierte Selbstjustiz führt mit Sicherheit in den totalen Abgrund, denn sie macht nicht vor der Steuer halt. Macht es erst einmal Schule, empfundene Ungerechtigkeiten auf die eigene Weise auszugleichen und Legislative zu spielen ist es nur noch ein kleiner Schritt dahin, auch die Exekutive selber in die Hand zu nehmen.

Alleine die Vorstellung, dass in Österreich acht Millionen selbst ernannte Exekutivorgane nach eigenem Ermessen für Recht und Ordnung sorgen würden, ist derart beängstigend, dass sich mir die bange Frage stellt: Wie lange ist Justitias Blindheit auf nur einem Auge noch vertretbar?