Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 1:05 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Was man über uns berichten wird

Von Nikoletta Zambelis | Homophobie aus Sicht des Jahres 2095.

Auszug aus einem Lehrbuch für Soziologie im Jahr 2095: „… Die noch bis in dieses Jahrhundert wirkende Homophobie erhielt vor ca. 80 Jahren in Österreich eine zusätzliche Dynamik, als nämlich ein dem katholischen Lager zuzurechnender Minister das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare vorschlug. Die Berichterstattung der Medien dieser Zeit hinterließ uns ein aufschlussreiches Bild über die Haltung der damaligen Gesellschaft zu diesem Vorstoß. So finden sich darin Axiome wie ,Kinder können sich nur in einer Familie aus Vater und Mutter richtig entwickeln‘ oder ,Sexuell richtige Orientierung verlangt nach Vater und Mutter‘.

Die zur Schau gestellte Aufgeschlossenheit der damaligen Zeit lässt sich in der Retrospektive angesichts solcher Aussagen nur als zynisch, manche sprechen sogar von borniert, bezeichnen.

Meinung

Namhafte Soziologen machen heute die Symbiose von Kirche und Staat, aber vor allem massive Wahrnehmungsdefizite dafür verantwortlich. So wurde beispielsweise die Kenntnis darüber, dass nach Kriegen ganze Generationen nur von weiblichen Bezugspersonen erzogen wurden, zur Gänze ausgeblendet. Ebenfalls verleugnet wurde offenbar das zwar verpönte, aber dennoch weit verbreitete Modell der Alleinerzieherinnen und einiger weniger Alleinerzieher, in welchem zwangsläufig ein Geschlecht in der Erziehung unterrepräsentiert war. Selbst der technologische und medizinische Fortschritt des frühen 21. Jahrhundert konnte nicht verhindern, dass sich in der Fortpflanzungsforschung hartnäckig der Glaube an einen Klapperstorch hielt, der durch Biss ins Bein der Gebärenden für die Geburt eines Kindes gesorgt haben soll…“