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punktierte Linie

Das Auge
isst (mit)

Von Nikoletta Zambelis | Vielleicht genügt ein Hologramm am Teller.

Ich gebe es zu, liebe Leserinnen und Leser des Zauberspiegels: Ich esse gerne. Statt Kalorien zu zählen, was ich eigentlich sollte, erfreue ich mich lieber an Geschmack und Aussehen eines guten Essens. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob es sich um Spaghetti mit irgendetwas an etwas anderem handelt oder um Fisch in einer Kruste aus was-auch-immer-man-um Fisch-wickeln-kann. Was für mich zählt, ist ein optisch ansprechendes und wohlschmeckendes Essen auf meinem Tellerchen, die Betonung liegt auf Essen.

Was jedoch in vielen Ess-Tempeln aufgetischt wird, hat weniger mit Essen als mehr mit einem Gemälde zu tun. Da findet sich zum Beispiel, zwischen einer Ansammlung größerer und kleiner Tupfen unterschiedlicher Farben und Geschmäcker, in unnatürlicher Form und Kolorierung das Hauptgericht. Dem kleinen Würfelchen sieht man an, dass es während seiner Verwandlung von einem schönen, natürlich-roten Rindsschnitzel,

Meinung

in ein unnatürlich blasses Gebilde sehr gelitten haben muss. Selbst die Gesellschaft der bunten Tupfen und eines Spiegels von kräutergeneriertem Grün kann das kaum lindern. Aber schön ist es das Werk, wie es auf der großen, anthrazitfarbenen Granitfließe daher kommt. So schön, dass selbst der Kellner hingerissen und andächtig haucht: „Viel Vergnügen!“

Wie eine Bild aus dem Pointillismus liegt nun eine Kreation vor einem, die so perfekt ist, dass das Berühren mit Messer und Gabel einem Akt von Vandalismus gleich käme. Ja, hier isst tatsächlich das Auge. Aber eben nur das Auge.

Fast scheint es so, als ob es gar nicht mehr darum ginge, Gaumen und Magen zu erfreuen. Doch wenn es das Auge nicht mehr nur mit isst, sondern der Hauptadressat gepflegter Küchenkultur ist, warum projiziert man dann nicht einfach Hologramme auf den Teller?