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Wie viel Bildung hätten’s denn gern?

Von Nikoletta Zambelis | Haben wir uns in 239 Jahren „Bildung für alle“ so satt gelesen?

Am 6. Dezember feiert die Unterrichtspflicht in Österreich ihren 239. Geburtstag. Dass die Lehrer just zum Jubiläum Dienststellenversammlungen abhalten (vulgo: streiken) wollen, fordert förmlich dazu heraus, sich über die Geschichte des Jubilars Gedanken zu machen.

Und so erinnere ich mich – natürlich nicht persönlich – und nun auch Sie, dass vor dem Jahr 1774 Bildung nicht selbstverständlich war. Lesen, schreiben und rechnen zu können, war ein Privileg, das einigen wenigen vorbehalten blieb. Mit etwas Glück oder Beziehungen konnte der ein oder andere Bursch über eine kirchliche Karriere seinen Bildungshorizont erweitern, alle anderen blieben unbelesen. Bildung war ein hohes und für die meisten unerreichbares Gut.

Doch wie verfahren wir heute, 239 Jahre später, mit diesem Gut? Da gibt es zum Beispiel Eltern, die, mangels Interesse oder Möglichkeiten, die Bildung ihrer lernunwilligen Sprösslinge den Lehrern überlassen. Sollen die sich doch herumplagen, schließlich werden sie dafür bezahlt. Dann trifft man auf Lehrer, die beklagen, dass heute nichts

Meinung

mehr so ist, wie’s einmal war. Und da Beklagen alleine bekanntlich nichts nützt, werden die Forderung nach multikulturellem Lehren, Arbeitszeitanpassungen, Ausbildung und Ansehen sicherheitshalber an die Gewerkschaft delegiert. Sollen die sich doch herumplagen, schließlich sind die dafür da.

Die Gewerkschaft wiederum instrumentalisiert jene Eltern, Kinder und Lehrer, die sich für ernsthafte und wichtige Schulentwicklung engagieren. Sollen die sich doch herumplagen, schließlich wollten die ja Bildung. Und wenn das nichts hilft, dann hat ein beherztes „Njet“ noch immer gewirkt.

Und nun frage ich Sie: Geht man so mit einem hohen Gut um? Haben wir uns in 239 Jahren „Bildung für alle“ so satt gelesen, dass der Anspruch an einen breiten Bildungsstand an Wert verliert? Wollen wir uns tatsächlich sehenden Auges in eine Gesellschaftsform rückentwickeln, in der nur einige wenige Privilegierte, von denen alle anderen abhängig sind, lesen und schreiben können? Was würde wohl Maria Theresia dazu sagen?