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Der Zauberspiegel-Adventkalender 2016

Gefüllt mit 24 erheiternden, erleuchtenden und erfreuenden Gedanken hängen wir den Zauberspiegel-Adventkalender im Zauberfuchs auf.

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24. DEZEMBER

Chat mit dem Christkind

Christkind: So, jetzt ist es endlich so weit
Zauberspiegel: Du hast leicht reden.

Christkind: Entschuldige schon, ich hab‘ heut mehr um die Ohren als du!
Zauberspiegel: Mag ja sein, aber ich bekomme heute noch Besuch, schon vergessen?

Christkind: Wie könnte ich. Du hast ja genügend Theater darum gemacht.
Zauberspiegel: Und nur, weil du mich genötigt hast.

Christkind: Iiiich? Ich hab‘ dich nicht genötigt. Auf die Idee bist du ganz alleine gekommen.
Zauberspiegel: Hättest du mich nicht zur Nachbarin geschickt, ich hätte sie nie im Leben eingeladen.

Christkind: Ich finde das im Übrigen ausgesprochen herzlich von dir.
Zauberspiegel: Was hätte ich denn machen sollen? Sie etwa alleine lassen, die alte Frau?

Christkind: Ja, das hättest du tun können.

Zauberspiegel: Nicht dein Ernst, oder?

Christkind: Das war schon sehr lobenswert und hätte nicht jeder gemacht.

Zauberspiegel: Naja, jetzt hör aber auf!

Christkind: Wie geht es DIR inzwischen eigentlich?
Zauberspiegel: Super! Und ehrlich gestanden, ich freue mich schon sehr auf den Abend.

Christkind: Eben hast du noch über den Stress gejammert?
Zauberfuchs: Ich weiß, ich weiß. Trotzdem. Es macht Freude jemandem eine Freude zu machen.

Christkind: Sag das noch einmal!
Zauberfuchs: Es freut mich total, dass ich jemandem eine Freude machen kann.

Christkind: Das aus deinem Munde…
Zauberfuchs: Ja, ja, ich hab’s verstanden!

Christkind: Ich weiß meine Liebe, und nun wünsche ich dir eine frohe Weihnacht.
Zauberfuchs: Danke!

Christkind: …
Zauberfuchs: Hallo? Bist du noch da?

Christkind: …
Zauberfuchs: Haaaaallooooooo?

Christkind: …
Zauberfuchs: Dir auch eine frohe Weihnacht!

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23. DEZEMBER

Nur noch einmal schlafen

Nur noch einmal schlafen, dann ist es so weit. Das Fest, das für manche den Höhepunkt des Jahres darstellt, entlockt anderen ein gequältes „Ich bin froh, wenn’s vorbei ist!“. Die Gründe für den Weihnachtsblues mögen vielfältig sein, Alkohol als Waffe dagegen einzusetzen, ist jedoch in jedem Fall einfältig.

Denn abgesehen davon, dass es den 24. nicht rosaroter macht, je blauer man selber wird, riskiert

man auch noch jede Menge Ärger mit anderen, und wem das egal ist, auch noch einen Riesenkater am 25. Wer also den Katzenjammer nicht über den 24. hinaus verlängern will, spare sich den Griff zur Flasche, und tue stattdessen etwas Hilfreiches und Herzliches für andere. Die Dankbarkeit und Freude, die einem dafür zurückgegeben wird, wirkt weitaus befriedigender als Alkohol und verleiht selbst dem überzeugtesten Weihnachtsmuffel Flügel.
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22. DEZEMBER

Tröstende und kraftspendende Gedanken

Schönes, Heiteres und Erhellendes sollte im Adventkalender zu lesen sein, doch zwei Tage vor diesem Heiligen Abend will sich ein Türchen den Trauernden dieses Jahres öffnen.

Für zahlreiche Überlebende und Hinterbliebene der Terroranschläge, Naturkatastrophen und lokaler Tragödien dieses Jahres, steht das erste Weihnachten bevor, das nicht mehr so ist, wie es zu sein pflegte. Für viele wird es vermutlich nie

wieder so werden, wie wir es uns alle wünschen, friedlich, glanzvoll und im Kreise aller Lieben. Ihnen allen sollten am kommenden Heiligen Abend tröstende und kraftspendende Gedanken gewidmet sein. Ihnen allen sollten wir Respekt zollen, indem wir, die wir noch heil an Leib und Seele sind, uns am Heiligen Abend friedlich verhalten. Ihnen allen sollten wir am Heiligen Abend eine Kerze in unseren Fenstern leuchten lassen.
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21. DEZEMBER

Beerbt werden als nächstes die Omas

Schwer betroffen studiere ich die Werbung einer Geschenkboutique, die sich bemüht, dem akuten Mangel an Geschenkideen Abhilfe zu schaffen: Schmuck für Schatz, Schmuck für die beste Freundin, und für die Oma: eine Wärmflasche. Meine Betroffenheit fußt weniger auf Undankbarkeit — auch eine Wärmflasche kostet Geld und kann zuweilen hilfreich sein — sondern viel mehr auf meinem rechnerischen Oma-Alter.
Dass ich für Glitzersteinchen, schicke Outfits und anderen Lifestyle-Luxus nicht zur Zielgruppe zähle, ist schon traurig genug. Dass jedoch eine Wärmflasche — wenn auch in Herzform — gerade einmal das ist, was man älteren Damen zuerkennt, ist wirklich bitter. Und auch völlig unlogisch. Denn, ihr lieben Schenker, eines solltet ihr nicht aus den Augen verlieren: Beerbt werden als nächstes die Omas.
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20. DEZEMBER

Chat mit dem Christkind

Zauberspiegel: Weißt du, was komisch ist?
Christkind: Sag’s mir!

Zauberspiegel: Seit ich meine alte Nachbarin besucht habe, ist sie total nett zu mir.
Christkind: Warum findest du das komisch?

Zauberspiegel: Ich habe ja gar nichts Großartiges gemacht.
Christkind: Für sie war es vermutlich doch großartig.

Zauberspiegel: Muss wohl so sein, und stell dir vor: Gestern hat sie mir Kekse gebracht.
Christkind: Da kannst du einmal sehen, wie großartig sie deinen Besuch fand.

Zauberspiegel: Ich wollte den Teller gar nicht nehmen.
Christkind: Warum nicht?

Zauberspiegel: Es war mir irgendwie peinlich.

Christkind: Peinlich? Seit wann ist dir denn etwas peinlich?

Zauberspiegel: Entschuldige mal, wenn eine alte Frau, die selber nichts hat, mit Keksen vor der Türe steht, kann einem das schon peinlich sein.
Christkind: Du hast sie hoffentlich angenommen.

Zauberspiegel: Zuerst habe ich mich ein bisschen gewehrt, aber sie ließ nicht locker.
Christkind: Ihr war es wichtig, danke zu sagen.

Zauberspiegel: Woher willst du denn das wissen?
Christkind: Denk ich mir so.

Zauberspiegel: Vielleicht wollte sie mich aber auch bestechen.
Christkind: Bestechen?? Mit Keksen??

Zauberspiegel: Könnte doch schließlich sein. Damit ich sie künftig öfter besuche.
Christkind: Was du dir so zusammendenkst! Dir kann man es wohl nicht leicht recht machen, oder?

Zauberspiegel: Nein, nein. Ich habe mich eh auch gefreut.
Christkind: Na eben, darum geht es schließlich auch, sich gegenseitig Freude zu schenken.

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19. DEZEMBER

Ökonomische Vorratshaltung

Sehr zum Leidwesen aller Urlaubsoptimierer fällt heuer der 25.12. (ebenso wie übrigens auch der 1.1.) auf einen Sonntag. Das kostet einerseits zwar mehr Urlaubstage, will man bis in den Jänner hinein entspannen, andererseits auch aber deutlich weniger Geld. Denn das Anlegen von Vorräten kann sich an einem ganz normalen verlängerten Wochenende orientieren.

Anders als bei einer Kombination mit Weihnachten

am Donnerstag, die folglich drei ganze plus einen halben Tag lang Einkaufen verunmöglicht, haben wir es da heuer vergleichsweise gut. Bei lediglich 1,5 gestohlenen Shoppingtagen sollten wir es schaffen, mit normaler und daher wirtschaftlich schonender Vorratshaltung wohlbehalten und unbeschadet am 27. Dezember anzukommen.

Den Handel freilich wird das weniger freuen, denn für ihn wird’s erst 2020 wieder richtig spannend.

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18. DEZEMBER

Strategie zum Weihnachtsfrieden

Am 4. Adventsonntag mag es sich lohnen, langsam die Strategie zum Weihnachtsfrieden anzudenken. Lange ist es schließlich nicht mehr hin bis zum Heiligen Abend, der in etlichen Familien alles andere als heilig verläuft.

Zahlreiche Ratgeber werden rund um dieses Thema seit Adventbeginn in Funk und Fernsehen gesendet oder in Wussten-Sie-schon-dass-Magazinen veröffentlicht. Wer all diese Ratschläge verpasst oder schon wieder vergessen hat, möge sich an diesen einen ultimativen und garantiert wirksamen Tipp halten: Sehen Sie sich noch vor dem Heiligen Abend den Jedes-Jahr-um-diese-Zeit-Klassiker „Single Bells“ an. Kaum ein Klischee wird hier ausgelassen, und bis hin zum brennenden Christbaum trübt alles den Weihnachtsfrieden, was man sich nur vorstellen kann.

Wozu Sie sich die Aufzeichnung ansehen sollen, wenn Sie doch Tage später dasselbe Programm live in einer Hauptrolle erleben dürfen? Nun, um es als noch Unbeteiligter von außen kommentieren, ver- und beurteilen zu können.

So ähnlich wie Ski- und Autorennen nämlich, die einen zuschauenderweise zum Experten in Sachen Hahnenkamm oder Asphaltpiste machen, ohne es auch nur ansatzweise selber zu beherrschen, könnte auch dieser Film wirken: Reden Sie mit, analysieren Sie jeden einzelnen Dialog und übertönen Sie einander mit Kommentaren zum misslungenen Menü, der genervten Mutter oder der exaltierten Schwiegermutter. Doch vor allem genießen Sie das beruhigende Bewusstsein, dass Sie keine einzige der kommentierten und beklatschten Szenen je nachspielen könnten.

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17. DEZEMBER

Gewollte Baumlosigkeit

Gesteck oder Baum, lebend oder tot, echt oder Plastik? Alle Jahre wieder stehen vor allem kinderlose Haushalte vor diesen Fragen. „Seit die Kinder aus dem Haus sind, brauchen wir keinen Christbaum mehr“, lautet dann oft die salomonische Entscheidung.

Ob nun Bäume und Kinder tatsächlich in einem logischen Zusammenhang zueinander stehen, oder ob sich Kinderlosigkeit einfach gut als Ausrede für gewollte Baumlosigkeit eignet, sei

dahin gestellt, aber schön ist er doch allemal, so ein Christbaum. Wenn er voller Kugeln und Kerzen vor sich hin blinkt, seinen grünen Duft für Tage in der Wohnung verbreitet und sich die Äste vor Süßigkeiten biegen, muss man selbst als kinderloser Erwachsener schwach werden. Wem dies jedoch noch nicht Anreiz genug ist, behänge das winterliche Grün mit Rumkugeln und anderen hochprozentig gefüllten Leckereien, denn das geht ausschließlich, seit die Kinder aus dem Haus sind. Und schwach wird man davon jedenfalls.
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16. DEZEMBER

Der gegenderte Weihnachtsmann

Neben dem Hausverstand, der — oh pardon! — die ja jetzt weiblich ist, blühen uns ab 2017 auch wieder weibliche Wetterphänomene. Endlich tragen nicht mehr Sturm, Graupelschauer, und tagelanger Dauerregen so schöne Namen wie Anna, Melanie oder Zenzi, nein bei schönem Wetter klingt’s endlich feminin. Im nächsten Jahr können sich also Hans, Kurt und Paul schwach anreden lassen, wenn’s draußen blitzt und kracht oder im Juni drei Wochen lang arktische Temperaturen herrschen.

Eigentlich ist das doch nur gerecht, möchte man meinen, und ohnehin höchst an der Zeit im Jahrhundert von Söhnen-Töchtern. Doch wie verträgt sich das mit dem Weihnachtsmann?

Es wird nicht allzu weit hergeholt sein, dass es nach wie vor zum überwiegenden Teil Frauen sind, die sich um Kekse, Geschenke und Päckchen kümmern. Mögen sich Einkaufen, Kochen und das Anschleppen von Tannenbäumen vielleicht inzwischen gerecht aufgeteilt haben, spätestens die Aufräum- und Umtauscharbeiten liegen dann doch wieder in weiblicher Hand. Wäre es da nicht höchst an der Zeit, alsbald die WeihnachtsFRAU zu etablieren? Ganz ohne Rauschebart dafür aber im Engelsgewand könnte sie dann gemeinsam mit der Hausverstand kongeniales Weihnachtsshopping betreiben und dafür sorgen, dass Geschenke vom Weihnachtsmann nicht erst am 24.12. gekauft und mit dem letzten Stückchen Geschenkpapier im Haus verpackt werden.
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15. DEZEMBER

Geschenk vor Weihnachten

„Sehen wir uns noch vor Weihnachten?“ ist aktuell wohl die am häufigsten gestellte Frage gleich nach „Wie geht es Dir?“. Erwarten sich die wenigsten mit zweitgenannter eine umfassende Beschäftigung, so löst die erste entweder skeptisches Stirnrunzeln oder hektisches Kalenderblättern aus.

So, als ob nach dem 24. Dezember alles still stehen würde, müssen jetzt auf einmal Dinge, die schon seit dem März unerledigt sind, vom Tisch. Freunde, die man das ganze Jahr nie angerufen hat, sollten unbedingt noch vor Weihnachten besucht werden, vom legendären Weihnachtsputz ganz zu schweigen. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass für viele das Arbeitsjahr

zu Weihnachten endet und das neue erst wieder am 9. Jänner beginnt, darf ich Sie beruhigen: Das Leben geht am 9. Jänner ganz normal weiter. Die Freunde — so sie nicht ohnehin schon zutiefst gekränkt sind — kann man auch im Jänner anrufen. Fenster werden, bei Einsatz des richtigen Mittels, auch im neuen Jahr streifenfrei sauber. Und eine Arbeit, die seit März niemand vermisst hat, könnte vielleicht überhaupt in die Rundablage wandern.

Mit diesen Gedanken kann ich Ihnen vielleicht die eine oder andere freie Minute vor Weihnachten schenken. Ein kleines Präsent des Zauberspiegels quasi, das freilich vor Weihnachten zugestellt werden wollte.

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14. DEZEMBER

Chat mit dem Christkind

Zauberspiegel: Ich muss mit dir reden!!!
Christkind: Ist was passiert?

Zauberspiegel: Wie man’s nimmt. Du hast doch gesagt, ich soll zu meiner Nachbarin gehen.
Christkind: Und, hast du es gemacht?

Zauberspiegel: Was bist du bloß für ein Christkind? Ich dachte, du weißt und siehst eh alles?
Christkind: Nach den Feiertagen sollten wir uns dringend treffen. Deine Ideen sind ja aus dem Mittelalter.

Zauberspiegel: Wie auch immer, ich war jedenfalls dort, und stell dir vor….
Christkind: …

Zauberspiegel: ….bist du noch da?
Christkind: Ja, ich warte.

Zauberspiegel: Also zuerst hat sie mich ganz skeptisch angeschaut und ich wusste ja auch nicht recht, was ich sagen sollte.
Christkind: Ausgerechnet du?

Zauberspiegel: Hätte ich vielleicht sagen sollen, das Christkind schickt mich?
Christkind: Hihi. Und weiter?

Zauberspiegel: Ich habe sicherheitshalber einen Blumenstock mitgenommen und nur gesagt: „Ich bin Ihre Nachbarin.“
Christkind:…

Zauberspiegel: Dann hat sie immer noch nichts

gesagt, darauf ich: „Und ich wollte das vorbeibringen, weil doch bald Weihnachten ist.“
Christkind: Sehr lieb von dir, und dann…?

Zauberspiegel: … hat sie mich hineingebeten. Und du glaubst es nicht, ihre Wohnung ist fast leer. Da stehen nur die nötigsten Möbel.
Christkind: Ich weiß!

Zauberspiegel: Wie, Du weißt? Warst du auch schon einmal da?
Christkind: Nicht so wichtig, erzähl weiter.

Zauberspiegel: Ich setze mich also auf einen der beiden Stühle, sie nimmt die Blumen, und fängt an zu weinen.
Christkind: Oh.

Zauberspiegel: Erst wusste ich gar nicht, wo ich hinschauen sollte, ich war echt überfordert.
Christkind: Und dann?

Zauberspiegel: Dann hab ich sie einfach umarmt, und irgendwann war sie wieder ruhig.
Christkind: Du rührst mich.

Zauberspiegel: Ich hab gar nicht nachgedacht, sondern hab’s einfach getan. Und dann habe ich sie eingeladen, für den Heiligen Abend.
Christkind: Echt jetzt?

Zauberspiegel: Brauchst gar nicht so erstaunt zu tun. Das ist wohl logisch, die arme Frau, allein in der leeren Wohnung.
Christkind: Ja natürlich, völlig logisch. Dass ich da nicht selber drauf gekommen bin…;-)

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13. DEZEMBER

Schutzengel in IVB-Uniform

Nicht nur das politische Parkett kann zuweilen gefährlich glatt sein, nein, auch der Weg zum Bus.

Unvorsichtigerweise, weil es ja eh nicht schneit und auch das Outfit beachtet werden muss, verließ ich gestern forschen Schrittes in Halbschuhen meine Wohnung. Nach einigen hundert Metern wurde die Fehlentscheidung meiner Schuhwahl deutlich, als ich nämlich, anstatt mich vorwärts zu bewegen, im aufrechten Stand stetig rückwärts rutschte. Mit Tasche und Regenschirm rudernd versuchte ich Halt auf dem Blitzeis zu finden, und so breit- wie x-beinig die letzte Steigung zum Bus zu erklimmen. Kurz

dachte ich sogar daran, die Schuhe auszuziehen, versprach ich mir von Wollsocken doch deutlich mehr Grip. Während ich so, von Eis und Schwerkraft wieder Richtung Wohnung gezogen, noch nachdachte, wie ich nun mit heilen Knochen in den Bus käme, trat ein Schutzengel auf mich zu. Gekleidet in die Uniform der IVB, selber nicht ganz stabil auf dem Eis, rutschte der Busfahrer auf mich zu, reicht mir seinen Arm und geleitete mich galant und sicher in den Bus. Danke lieber Schutzengel, für deine Umsicht, dein Einschreiten und deine Hilfsbereitschaft! Ohne dich tippte ich vermutlich nicht hier am Schreibtisch, sondern aus einem Bett der Unfallstation.
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12. DEZEMBER

Alle Italiener wissen das, nur wir hier in Tirol nicht

Alle Jahre wieder und nur um diese Zeit bietet ein Stand am Innsbrucker Christkindlmarkt eine saisonal und örtlich begrenzte Spezialität an: Tiroler Bosna. Sie besteht aus einer Zeile gefüllt mit zwei dünnen Bratwürsten und Sauerkraut.

Was sie so einzigartig macht, ist, dass sie so einzigartig ist. Zu keiner anderen Zeit und an keinem anderen Ort gibt es diese Tiroler Bosna. Heerscharen von Italienern standen sich am vergangenen langen Wochenende jedoch die Füße in den noch leeren Bauch, um ebendiesen mit

dieser so typischen Tiroler Spezialität zu füllen. Zurück in Italien erzählen sie vermutlich ganz begeistert davon, was Tiroler traditionellerweise essen. Alle Italiener wissen das, nur wir hier in Tirol nicht.

Wahrscheinlich entstehen genau so kulinarische Mythen, und wer weiß, vielleicht eröffnet in 200 Jahren in Mailand jemand ein typisches Tiroler Bosna Lokal. Wer will dann noch bezeugen können, dass diese Bosna nur fünf Wochen im Jahr an genau einem Stand serviert wurde.

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11. DEZEMBER

Besonderes auf den Tisch zu zaubern

Langsam wird es Zeit, sich Gedanken über das Weihnachtsmenü zu machen. Oder vielmehr die Weihnachtsmenüs. Der Anspruch, an zumindest zwei Feiertagen etwas Besonderes auf den Tisch zu zaubern, ist nicht nur eine Attacke auf Bauch, Beine und Po, sondern auch auf Nerven und Gemüt von Koch und Köchin.

Da mag sich doch der ein oder andere Gedanke lohnen, worauf dieser Anspruch fußt. Streng genommen handelte es sich in den 40 Tagen vor Weihnachten um die Philippus-Fastenzeit, deren Ende mit einem Festmahl am 25. 12. belohnt wurde. Doch die Menschen, die das wissen und

sich daran halten, werden immer weniger. Und selbst jene, die aus existenziellen Gründen nicht jeden Tag fliegende Gänse verspeisen, tafeln hierorts auch unterjährig nicht ganz mager. Wozu also die Hektik just an Weihnachts- und Christtag? Vielleicht sollten wir die Feiertage genau damit adeln, indem wir anders speisen als sonst: Also runter vom Gas — und Landbutter auf Bauernbrot servieren. Wem das zu spartanisch erscheint, der kann dazu Apfelmus an der schön gedeckten Tafel reichen.

Die Hüften würden es danken, und die Nerven von Hausfrau und -mann sicherlich auch.

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10. DEZEMBER

Seit heute ist er wieder da!

Nach fast einem Jahr steht er wieder da, da wo er immer gestanden ist. In seinem roten Anorak, mit einem großen Rucksack, kalten Händen und einem warmen Blick lächelt er mich an, wie eine gute alte Bekannte.

Vor fast einem Jahr war er ganz einfach verschwunden, ohne Vorwarnung, von einem Tag auf den anderen, und fast jedes Mal, wenn ich an seinem Platz vorbei kam, musste ich an ihn denken. Manchmal fragte ich mich,

was wohl aus ihm geworden sei, und ob ich mich nach seinem Verbleib erkundigen sollte. Doch an wen hätte ich mich denn wenden können? Schließlich kannte ich nur seinen Beruf und seine Herkunft.

Und seit heute ist er wieder da! Ich freue mich sehr, dass ihm nichts passiert ist, dass er mich anlächelt, mir zuruft: „God bless you!“ und mir eine Zeitung entgegen hält. Seit heute ist er ist wieder da, MEIN 20-er Verkäufer.

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9. DEZEMBER

Chat mit dem Christkind

Christkind: Guten Morgen, bist du schon wach?
Zauberspiegel: Yep, what’s up?

Christkind: Kannst du mir einen Gefallen tun?
Zauberspiegel: Ha, wusst‘ ich’s doch.

Christkind: Was wusstest du?
Zauberspiegel: Dass das Christkind doch nicht alles alleine schafft, und wir einspringen müssen.

Christkind: Werd‘ endlich erwachsen, also…?
Zauberspiegel: Musst nicht gleich so schnippisch sein.

Christkind: Tut mir leid, aber manchmal wundere ich mich sehr, welche Märchen Ihr euch über mich erzählt.
Zauberspiegel: Egal, also was brauchst du?

Christkind: Neben dir wohnt doch diese alte Frau…
Zauberspiegel: Du meinst die mit dem Gehstock?

Christkind: Yep. Kannst du sie morgen besuchen?
Zauberspiegel: Waaas? Geht’s noch? Wieso sollte ich?

Christkind: Sie ist einsam und würde sich über

Gesellschaft freuen.
Zauberspiegel: Selber schuld. So böse wie die ist, wundert’s mich nicht, dass sie einsam ist.

Christkind: Ach, was tut sie dir denn?
Zauberspiegel: Tun ist vielleicht übertrieben, aber sie grüßt nie, schaut immer böse, und überhaupt…

Christkind: Vielleicht hat das gute Gründe.
Zauberspiegel: Na und, was geht’s mich an!

Christkind: Sie ist deine Nachbarin. Und du schaust auch öfters böse.
Zauberspiegel: Das ist was anderes!

Christkind: Ich kann keinen Unterschied erkennen. Also, tust du’s?
Zauberspiegel: Ich hab‘ echt keine Zeit für sowas! Warum gehst du nicht selber hin?

Christkind: Das hat auch gute Gründe. Gib Dir einen Ruck!
Zauberspiegel: Und wenn nicht?

Christkind: Wirst schon sehen!
Zauberspiegel: Das ist Erpressung!
Christkind: Nein, das ist Nächstenliebe.

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8. DEZEMBER

Ist er nicht doch ein Guter?

Zu Aus- und Hergang der Bundespräsidentenwahl wurde schon so viel gesagt, dass ich beides eigentlich nicht mehr kommentieren wollte, aber ich kann nicht anders. Denn weitaus mehr als über den Ausgang der Wahl bin ich darüber beruhigt, dass mir Norbert Hofer nicht böse ist. Nicht nur, weil gerade Advent ist, und daher saisonal bedingt, böse zu sein nicht opportun erscheint, nein sondern deshalb, weil ich das persönlich schwer ertragen hätte. Ich mag es nicht, wenn Beinahe-Bundespräsidenten böse
auf mich sind, und womöglich hätte es mir den Schlaf geraubt, zwar den richtigen gewählt aber den anderen verärgert zu haben. Doch glücklicherweise hat der Wahlverlierer die huldvoll entlastenden Worte gesprochen „Ich bin nicht böse…“ womit er vermutlich nicht nur mir sondern auch all seinen anderen Nicht-Wählern eine große Erleichterung verschafft hat. Wir wollten ihn zwar nicht zu unserem Präsidenten wählen, aber böse, nein böse wollten wir ihn wirklich nicht machen. Ist er nicht doch ein Guter?
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7. DEZEMBER

Bis das Wunder Mensch eingreift

Momentan ist meine Welt eine Scheibe. Wie jede Scheibe hat sie Ränder, aber die meiner Welt fallen an Polen und Äquator rund ab. Sie ist dick, hat einen weichen Kern und ist außen leicht verkrustet. Es herrschen gleichmäßig heiße Temperaturen auf ihr, was wohl der Grund für ihre leichte Deformation sein dürfte.

eine Welt ist zwar klein, und dennoch weht ihr Duft durch alle Gassen. Sie treibt in einer Art

Ursuppe um andere Welten herum, wird einmal von ihnen angezogen und manchmal abgestoßen. Doch kein Zusammenstoß kann meiner Welt etwas anhaben, jedenfalls so lange, bis das Wunder Mensch eingreift.

Wenn sie nämlich ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt wird, liegt sie auf einmal da, glänzend und fettig auf einem Pappteller. Momentan ist meine Welt ein Kiachl.

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6. DEZEMBER

Wenn Zimt dort geblieben wäre, wo der Pfeffer wächst

Wer sich heute an einem Nikolaussack erfreut oder einen verschenkt, sollte nicht vergessen, dass Mandarinen, Erdnüsse, Kakaoprodukte und manch andere Leckereien nicht aus Tirol und nicht aus Österreich stammen, ja manches noch nicht einmal aus Europa. Das sollte vor allem jenen zu denken geben, die das Jahr über gerne die „Wir sind wir“-Mentalität strapazieren und Menschen wie Kulturen anderer Länder als Zumutung empfinden. Ein Nikolaussack ohne Migrationshintergrund bestünde nämlich lediglich
aus Äpfeln und Walnüssen, denn noch nicht einmal Lebkuchen würde so schmecken, wie wir ihn heute kennen, wenn der Zimt dort geblieben wäre, wo der Pfeffer wächst.

Und der Nikolaus selber, dieser segensbringende Mann, mit dem goldenen Buch, aus dem den braven Kindern ihre guten Taten vorgelesen werden, ja der ist eigentlich Türke. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir ihn in unsere Häuser und in die Herzen unserer Kinder lassen.

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5. DEZEMBER

Chat mit dem Christkind

Zauberspiegel: Hallo, bist du online?

Christkind: Logo, ich hab‘ Hochsaison!

Zauberspiegel: Hihihi, wer glaubt denn heute noch an dich?

Christkind: Na, du offensichtlich!

Zauberspiegel: Ja eh, aber ich meinte eigentlich die Geschenke.

Christkind: Was ist mit den Geschenken?

Zauberspiegel: Wer glaubt noch daran, dass du die Geschenke bringst?

Christkind: Das kommt darauf an, was man unter Geschenk versteht.

Zauberspiegel: Häh?

Christkind: Wenn du Smartphones und Tablets meinst, muss man eh nicht an mich zu glauben.

Zauberspiegel: Logisch, die hat es früher ja auch nicht gegeben.

Christkind: Ganz schlau, was? Das hat doch damit nichts zu tun! Ich bin dafür bloß nicht zuständig.

Zauberspiegel: Nein? Seit wann?

Christkind: War ich noch nie!

Zauberspiegel: Wofür bist du dann zuständig?

Christkind: Frag dich doch selbst. Warum hast du mich heute angeschrieben?

Zauberspiegel: Äh, eigentlich nur so, wollte mich einfach mal wieder melden.

Christkind: Einsam?

Zauberspiegel: Bisschen.

Christkind: Unzufrieden?

Zauberspiegel: Ziemlich.

Christkind: Gestresst?

Zauberspiegel: Total!

Christkind: Wie kann ich dir helfen?

Zauberspiegel: Mir kann keiner helfen!

Christkind: Schon vergessen? Ich bin das Christkind!

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4. DEZEMBER

Blühende Zweige und gegrillte Fische

Die Sache mit den Barbarazweigen ist die, dass wir in Erinnerung an eine gewisse Barbara (ihre Existenz ist zwar historisch nicht gesichert, aber dafür ist sie eine Heilige) am 4. Dezember Obstzweige in eine Vase stecken, und hoffen, am Heiligen Abend Blüten zu sehen, die später Glück bringen.

Nun halten wir uns ja für sehr, sehr aufgeklärt und damit manch anderem Volke überlegen, tragen kein Kopftuch und dürfen wählen (tun’s halt aus irgendwelchen Gründen nicht), aber in unseren

eigenen Bräuchen und Traditionen geben wir uns doch ein wenig unkritisch.

Bloß so als Experiment und wirklich rein erfunden (nicht zuletzt mangels fundierter Kenntnis islamischen Brauchtums): Nehmen wir einmal an, der afghanische Nachbar im Haus würde am 4. Dezember einen Fisch grillen und ihn als Glücksbringer an seine Wohnungstür nageln, außen natürlich. Was würden wir sagen? Und wie würden wir ihm die Sache mit dem morgigen Krampus erklären?

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3. DEZEMBER

Mit etwas Glück gibt’s morgen ein Ergebnis

Morgen ist es endlich so weit, wir wählen unseren Bundespräsidenten, wieder, zum dritten Mal in nicht einmal einem Jahr.

Mit etwas Glück gibt’s morgen auch ein Ergebnis, wobei — Ergebnisse gab es die letzten Male ja auch, aber eben keine gültigen. Morgen ist es hoffentlich entschieden, wer für Österreich nach außen als Repräsentant und nach innen als moralische Instanz leuchten wird. Morgen weiß auch einer der beiden Kandidaten, dass er etwas zu voreilig seine Neujahrsansprache

entworfen hat.

Vielleicht ist aber noch nicht alles verloren und er kann den Text für etwas anderes nützen. Ein Wörtchen da, ein Absatz dort und schon ist die Rede in anderer Verpackung wieder brauchbar für eine neue Verwendung.

Generationen von Osterhasen geht es schließlich auch nicht anders, wenn sie entweder als Tortenglasur oder mit neuer Folie als Nikolaus einer anderen Verwendung zugeführt werden.

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2. DEZEMBER

Nichts! Nichts ist passiert.

Föhnsturm ist in Innsbruck keine Seltenheit und gehört beinahe schon zu den Sehenswürdigkeiten, zumindest aber zu den willkommensten Ausreden für schlechte Laune, Vergesslichkeit und chaotisches Autofahren. In den letzten Novembertagen war es wieder so weit. Der Sturm pfiff mit Spitzen bis zu 160 km/h um den Patscherkofel und gefühlt ähnlich stark durch die Stadt.

Und was ist passiert? Nichts! Nichts ist passiert.

Es stehen weiterhin alle Häuser, Dächer liegen immer noch, wo sie hingehören, nämliche oben drauf, Bäume und Menschen gleichermaßen blieben verwurzelt, ja sogar der der magere Christbaum thront weiter so aufrecht er das eben kann, vor dem Goldenen Dachl.

Andernorts ginge so ein Sturm vermutlich anders aus, andernorts hat man auch in anderen Fragen nicht so viel Halt unter den Füßen, andernorts lebten viele von uns nicht so gut wie hier.

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1. DEZEMBER

Gefühle verliert man doch nicht so einfach, oder?

Wer darf das erste Fenster aufmachen? Erinnern Sie sich noch an diesen aufregenden Moment am Morgen des 1. Dezember, als dieses erste Fenster noch kribbelige Vorfreude und einen Zauber auslöste, den man bis zum Heiligen Abend nicht mehr los wurde?

Bis Schokolade-, Getränke- oder Schmuckkonzerne den Adventkalender als brauchbare Verkaufsfläche entdeckten, erwartete einen selten mehr als ein buntes Bildchen, und dennoch lösten das Suchen der Nummer 1 (währenddessen man ständig die nicht zu übersehende 24 fand), das patscherte Gezerre am Karton-Fenster und der Anblick eines pfeiferauchenden Mondes helle Begeisterung

in uns aus.

Irgendwo auf dem Weg ins Jetzt scheinen wir dieses Gefühl verloren zu haben. Zugegeben, wir sind den Kinderschuhen entwachsen, der Kaufzwang umarmt manche mehr und manche weniger, und vorweihnachtliche Hektik kann auch recht ansteckend sein. Aber Gefühle verliert man doch nicht so einfach, oder?

Vielleicht geht es ja im Advent aber genau darum, das Gefühl wieder zu suchen, um es dann in nicht mehr als einem Lächeln, in einem hilfsbereiten Busfahrer, einem süßen Keks oder eben in einem Adventkalender zu finden. Wer hat es denn heute aufgemacht, das erste Fenster?