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Wer und was
bin ich?

Von Alev Topcu-Sahin | Der Völkermord an den Armeniern ist nicht nur in der offiziellen türkischen Sichtweise ein Tabu. Eine Reise in die Geschichte meiner Familie.

Seit längerem beschäftige ich mit dem politisch überaus aufgeladenen Thema des grässlichen Völkermordes an den Armeniern. Ich möchte keinen Geschichteaufsatz verfassen, sondern über diejenigen sprechen, die den Genozid überlebt haben.

„Schwertüberreste“ werden diese abwertend genannt. Viele sind geflüchtet, haben sich versteckt oder unter einer anderen Identität ihr Leben weitergeführt. Es gab eigene Einheiten, die verwaiste Kinder einsammelten und an hochrangige Offiziere als Dienstmädchen, Konkubinen oder einfach als Arbeitskräfte verschacherten. Knaben waren besonders beliebt, nach ihrer Umerziehung in Waisenhäusern wurden sie bei der Polizei oder beim Heer eingesetzt. Auf diese Weise „eingetürkte“ Burschen erwiesen sich oft ironischerweise als nationalistischer und radikaler als andere Türken.

Die zahlreichen internationalen Arbeiten zum Thema finden in der Türkei immer noch kaum Gehör. In der Türkei gilt „Armenier“ als Schimpfwort. Die Vorstellung, man könnte armenische Vorfahren haben oder gar Armenier sein, ist für viele Türken inakzeptabel. Als ein türkischer Sänger seiner strenggläubig sunnitischen Familie nachwies, dass sie eigentlich Armenier sind, wurde er enterbt und verstoßen. Ein besonders heikles Thema ist ein potenzielles armenisches Erbe unter uns Aleviten.

Bei uns sind „die Großväter“ ein interessantes Phänomen. Durch allgemeine Phrasen wie „Es war Krieg!“, „Wir sind geflohen!“ u.ä. wird mehr zugedeckt als offenbart. In meiner Familie gibt

Meinung

es nur noch meine Großmutter mütterlicherseits, die ich fragen kann. Aber ich erinnere mich, dass mein Großvater väterlicherseits manchmal davon erzählte, dass seine Familie Armenier auf der Flucht versteckte. Über seine Frau, also meine Oma, weiß ich so gut wie nichts. Und mütterlicherseits sieht es auch nicht besser aus.

Doch erst kürzlich habe ich erfahren, dass die Eltern meiner Oma mütterlicherseits von einem türkischen Offizier adoptiert wurden. Und dass der Name meines Urgroßvaters Gale war, bevor man ihn auf Ali umänderte. „Gale“ ist armenisch und bedeutet Sturm. Auch viele Dörfer, aus denen meine diversen Verwandten stammen, tragen noch ihre alten Namen, nämlich armenische.

Ich wollte Gewissheit und nahm mit dem Meldeamt in der Türkei Kontakt auf — doch Überraschung: Seit 2009 ist es verboten, Einsicht in die Meldedaten von früheren Generationen zu nehmen. Es gibt diese Information, auch weiß das Meldeamt, ob ich selbst armenisch bin oder nicht, denn die Akte jedes Bürgers trägt eine Kennzeichnung, die ihn als „reinrassigen Türken“ ausweist. Oder eben nicht. Aber ich darf es nicht wissen. Beamte, die das Verbot ignorieren, müssen mit einer Haftstrafe rechnen.

Wieso hat die Türkei Angst davor, ihre Bürgerinnen und Bürger die Wahrheit über ihre Familien und damit sich selbst herausfinden zu lassen? Ich möchte wissen, wer ich bin und werde versuchen, über einen Rechtsanwalt mit einem Gerichtsbeschluss an die Informationen zu kommen. Sie definieren meine Vergangenheit und betreffen damit meine Gegenwart, mein Leben.