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Erziehung zwischen zwei Welten

Von Alev Topcu-Sahin | Pubertät ist bekanntlich jene Zeit, in der die Eltern anfangen, schwierig zu werden. Für Familien mit einem Migrationshintergrund ist diese Erfahrung oft doppelt kompliziert.

Nehmen wir an, eine österreichische Familie lebt in Afghanistan und die Teenager-Tochter möchte auf einmal ein Kopftuch tragen. Klingt aufs Erste vermutlich eigenartig, ist es aber nicht. Denn die Familie lebt ja in Afghanistan und dort tragen die Frauen nun einmal Kopftücher!

Das Gleiche spielt sich in Österreich ab. Nur dass hier die türkischen Mädchen den österreichischen Mädchen nacheifern. Eigentlich ein normaler Prozess. Früher oder später fängt jeder und jede an, sich der Umgebung, in der er/sie lebt, anzupassen. Ob das nun unter Assimilation oder Integration fällt, sei dahingestellt.

Schwierig wird’s dann, wenn die Unterschiede zwischen Kulturen zu stark sind. Wenn eine streng religiöse muslimische Familie ihrer Tochter nur das Nötigste erlaubt, diese aber mehr von ihrem Leben erwartet, ist Streit vorprogrammiert. Aber nicht nur bei streng religiösen Familien ist das der Fall, auch bei ach so modernen Türken.

Es ist letztlich nicht die Kleidung, durch die man moderner und offener wird, sondern der Verstand. Wenn ich anno 1980 aus meinem Dorf ein Hirn mitgenommen und es konserviert habe und weder weiß, noch mich dafür interessiere, wie ich diese Konserve öffnen kann, dann nützt auch kein noch so gut gemeintes Gespräch. Das ist ungefähr so, als würde man einem Veganer sagen, dass Fleisch gut schmeckt und er ab sofort gefälligst Fleisch zu essen habe. Man würde nur Kopfschütteln und misstrauische Feindseligkeit ernten.

Meinung

Das Poblem betrifft auch junge Männer, aber in einer anderen Dimension. Reden wir heute über junge Frauen. Denn das ist die eigentliche Angst, die Konservative umtreibt: die Freiheit der Frauen. Weil sich die Spuren traditioneller Unterdrückung nichteinfach wegwischen lassen, vertreten sogar viele Frauen die Meinung, dass mehr Freiheit für sie bloß gefährlich wäre und zu Komplikationen führte. Nicht, dass ich solche Frauen in Schutz nehmen möchte, aber Tatsache ist: Sie kennen nichts anderes. Und die Hemmschwelle, die sie überwinden müssten, ist keine Schwelle, sondern ein Wolkenkratzer. Ich glaube, ein Österreicher in Afghanistan, dessen Tochter sich verhüllen möchte, wäre leichter umzuprogrammieren als eine anatolische Mutter, deren Tochter einen Freund haben möchte.

Die Angst vor Veränderung ist freilich nicht Türken vorbehalten. Jeder Mensch hat Angst davor. Nur wer Mut hat, den Deckel der Konserve zu lüften, kann erleichtert aufatmen. Denn klar ist unabhängig von der jeweiligen Kultur: Alles was verboten ist, ist für Jugendliche umso verlockender. Eine strikt traditionsbewusste Pädagogik kann das genaue Gegenteil des Erwünschten bewirken. Eltern egal welcher Herkunft (!) täten gut daran, ihre jeweils eigenen Kindheits- und Jugenderfahrungen in ihren Kindern zu spiegeln.

Ich bin mir sicher, das würde vieles ändern und vor allem einfacher und weniger konfliktbeladen machen.