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punktierte Linie

Besitzstörung

Von Alev Topcu-Sahin | Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die einander beim Jawort die ewige Treue und Liebe schworen, in guten wie in schlechten Zeiten. Doch was passiert, wenn einer der Vertragspartner das Gelübde nicht erfüllt?

Dann reden wir über Scheidung oder häufig eigentlich von Besitzstörung. Wenn ein Mann etwas besitzt, dann sorgt er auch dafür, dass das so bleibt. Wenn aber sein Besitz anfängt, ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln, vielleicht noch eins, das dem Mann gar nicht passt, fühlt er sich in seinem ureigenen Recht in unzulässiger Weise beschnitten.

Ich spreche vom patentierten Modell der türkischen Ehe. Sie fängt meist wie ein Märchen an und endet, wenn sie denn endet, häufig in einem albtraumhaften Rosenkrieg. Da wir uns aber in Österreich und nicht in der Türkei befinden, beschränken sich die meisten Attacken nach einer Trennung auf wüste Beschimpfungen. Zumindest hierzulande trauen sich die wenigsten Männer, handgreiflich zu werden. Gott sei Dank.

Aber wieso ist dieses Empfinden, ihre Ehefrauen zu besitzen und nach Gutdünken über sie verfügen zu können, bei Männern so weit verbreitet? Zugeben würde das natürlich kaum ein Mann. Die meisten Männer würden Geschlechtsgenossen, die so denken, gewiss zumindest offiziell als rückständig, ungebildet und aggressiv bezeichnen.

Nicht weniger fragwürdig ist allerdings das Kapitel, das häufig auf eine Trennung folgt. Merkwürdig nämlich, dass kaum jemals einer der ach so

Meinung

aufgeschlossenen, modernen Kavaliere ganz ohne Hintergedanken zur Stelle ist, wenn eine Frau nach einer Trennung auf Hilfe angewiesen ist. Wenn man ihr freundschaftlich beim Übersiedeln zur Hand gehen oder auch einmal einfach nur einen Einkauf anbieten könnte. Ganz im Gegenteil. Wenn ein türkischer Mann auf eine (neuerdings wieder) alleinstehende türkische Frau trifft, überwältigt ihn offenbar derart heftiges Mitleid mit ihrem beklagenswerten Beziehungsstatus, dass er unverzüglich versucht, sie ins Bett zu bekommen. Gut, Empathie drückt jeder Mensch anders aus. Türkische Männer, auch verheiratete, verleihen ihren Gefühle durch sexuelle Avancen Ausdruck.

Das nimmt solche Ausmaße an, dass in der Türkei geschiedene oder allein lebende Frauen nur in Großstädten und da auch nur in bestimmten gehobenen Wohnvierteln überhaupt allein leben dürfen. Sozial schlechter gestellte Frauen haben nicht einmal die Chance mitzureden, geschweige denn sich zu trennen, weil sie auf ihre Männer angewiesen sind.

Eine wirklich merkwürdige, nein: empörende Tradition. Geht es im 21. Jahrhundert tatsächlich nicht in die Köpfe türkischer Männer hinein, dass es unter Umständen nicht der allerdringendste Wunsch jeder Singlefrau sein könnte, sich wahllos von ihnen beglücken zu lassen?