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Gebrauchsanleitung für besseres Leben

Von Alev Topcu-Sahin | Wir wollen muslimische Frauen dazu ermächtigen, über ihr eigenes Leben zu bestimmen.

Ganz aufgeregt und nervös stellen wir noch schnell ein paar Kerzen auf und rücken zum x-ten Mal die Stühle zurecht. Das Mikrofon ist eingeschaltet, das Buffet hergerichtet, der Tee kocht vor sich hin. Noch schnell die Haare und das Gewand zurechtgezupft, und die Gäste können auch schon kommen. Eingeladen sind Frauen aus unserem Kulturkreis, die mit uns über Emanzipation und Co. sprechen wollen. Ort dieser außergewöhnlichen Veranstaltung ist das Alevitische Vereinshaus in Innsbruck, Haller Straße.

Ich arbeite in diesem Vereinshaus mit und sitze seit Kurzem zusammen mit drei anderen Damen auch im Frauenvorstand. Ich möchte Frauen dazu ermutigen, über ihren Selbstwert nachzudenken, über sich selbst zu bestimmen und ihren ureigenen Platz im Leben zu finden Dabei werde ich mit vielen Hürden und Vorurteilen — vor allem auch von Frauen gegenüber anderen Frauen — konfrontiert. Denn die Kluft zwischen selbstbewussten, emanzipierten Frauen und solchen, die traditionelle Rollenbilder leben, ist in alevitischen und muslimischen Kreisen überhaupt noch größer als in westlichen Kreisen.

Du bist emanzipiert und lässt dir von einem Mann nichts anschaffen? — Ganz klar, du bist ein

Meinung

Mannweib mit Damenbart! Du bist schon über 25 und immer noch nicht verheiratet? — Du erntest von Geschlechtsgenossinnen bestenfalls mitleidige Blicke und schlimmstenfalls Entsetzen: Hat die denn immer noch keinen abgekriegt?!

Bei unserem Frauenabend im Vereinshaus stelle ich fest: Jede von uns könnte einen Roman über ihr Leben als Frau schreiben. Und doch ist es vor allem für Frauen, die sich in die Tradition gefügt haben, unendlich schwierig, darüber zu sprechen. Sie haben sich offenbar wohl oder übel damit abgefunden, auf dem Gehsteig einen Schritt hinter ihren Männer zu gehen, statt selbstverständlich partnerschaftlich neben ihnen.

Ein großes Thema an diesem Abend ist Bildung und Weiterbildung — und die Angst mancher Männer vor gebildeten Frauen, die mehr wissen und vielleicht sogar mehr Geld verdienen als sie. Bildung ist eine Machtfrage, das ist das Kernproblem. Wer mehr weiß, hat die Mittel an der Hand, nach der Macht zu greifen und seinen gerechten Anteil daran zu verlangen. Freiwillig geben die Männer die Zügel gewiss nicht aus der Hand. Doch mein Ziel ist es, Frauen bewusst zu machen: Wir müssen uns selbst dazu ermächtigen, über unser eigenes Leben zu bestimmen.