Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 2:00 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Hinschauend
wegschauen

Von Alev Topcu-Sahin | Wir sind das Zuschauen aus sicherer Entfernung so gewöhnt, dass wir uns an brutalen Bildern aus Kobane lieber ergötzen, als etwas zu unternehmen.

Samstag, Maria-Theresien-Straße: eine Versammlung zum „Welt Kobane Tag“ bei der Annasäule. Es sind nicht sehr viele Menschen da, was mich traurig stimmt. Da hat man die Gelegenheit, sich solidarisch mit den Menschen in Kobane zu zeigen und gegen den Krieg aufzutreten, aber kaum jemand nützt sie. Wie überhaupt bei Demonstrationen fast immer nur dieselben Menschen vor Ort sind.

Warum ist das so? Weil die Leute lieber wegschauen, als die Gräueltaten der IS-Miliz wahrzunehmen? Weil sie wissen, was los ist, aber glauben, sie könnten als einzelne Personen sowieso nichts dagegen unternehmen? Oder weil sie sich zum ohnmächtigen Opportunismus gezwungen fühlen?

Zwei Wochen zuvor habe ich zum ersten Mal auch Österreicher bei einer Demo gegen den Krieg in Kobane gesehen. Sie waren sogar noch motivierter als einige von uns. Das hat mich sehr stolz gemacht. Nur gemeinsam sind wir stark. Nur gemeinsam können wir so laut wie möglich gegen einen Krieg stimmen. Denn ein Problem, über das niemand redet, ist kein Problem.

Meine Vermutung ist: Unsere Gesellschaft ist das Zuschauen schon so gewöhnt, dass wir uns gar nicht mehr in die Lage eines Kriegsopfers versetzen können. Wir wähnen uns in Sicherheit und nehmen diese für so selbstverständlich hin, dass eine derart existenzielle Notsituation für uns praktisch gar nicht vorstellbar ist. Lieber ergötzen wir

Meinung

uns an brutalen Bildern, als dass wir sie hinterfragen.

Szenenwechsel. Sonntag, Helmut Qualtingers und Carl Merz’ „Die Hinrichtung“ in der Kulturbäckerei in Dreiheiligen in einer Produktion des Projekttheaters Hall. Ich war begeistert von dem Stück, das aus den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts ist. Es ging nämlich genau um das Problem „wegschauen“ bzw. um unsere bequeme Angewohnheit, „hinschauend wegzuschauen“.

In der bitterbösen Satire geht es darum, eine öffentliche Hinrichtung als ultimative Show zu inszenieren. Ein passendes Opfer wird ausgesucht und dafür bezahlt. Der Mann nimmt „die Chance“, dass seine Familie nach seinem Tod ein besseres Leben führen kann, dankend an. Die Spannung steigt, das Stück treibt unvermeidlich auf den finalen Höhepunkt zu — doch zur tatsächlichen Hinrichtung kommt es nicht, und in der Schlussszene wird die enttäuschte Erwartung des Publikums direkt angesprochen: „Die Hinrichtung findet nicht statt, niemand soll sterben müssen. Aber geben Sie es zu, sie hätten auch nicht weggesehen!“

Der Satz lässt mich seither nicht mehr los und spukt mir im Kopf herum. Das ist es, was ich mit „hinschauend wegschauen“ meine. Wir schauen hin, auch auf das Schrecklichste. Wir befriedigen unsere Neugier und unsere Gier danach, uns zu gruseln. Aber das Hinschauen allein bringt weder Hilfe noch Veränderung.