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punktierte Linie

Wunschdenken
in Blau

Von Alev Topcu-Sahin | Fehlerhaftes Deutsch ist wirklich nicht das einzige Argument, das man gegen die Weltsicht von FPÖ-Anhängern ins Treffen führen kann.

Alev Korun, eine Nationalratsabgeordnete der Grünen mit Migrationshintergrund, hat den aggressiven Facebook-Kommentar eines Herrn Jürgen Dobermann, seines Zeichens FPÖ-Anhänger, öffentlich grammatikalisch korrigiert und damit über die Landesgrenzen hinaus für Heiterkeit und eine gewisse Aufregung gesorgt (hier zu finden).

Schlagabtäusche zwischen Parteien in der Politik hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Gerade aufregend und spannend sind diese meistens nicht. Mehr Kopfzerbrechen bereitet mir, wie generell mit Verbalattacken à la Dobermann umgegangen wird. Am häufigsten wird FPÖ-Anhängern bei solchen Auseinandersetzungen an den Kopf geworfen, dass sie nicht korrekt Deutsch können. Aber ist das wirklich das einzige schlagende Argument gegen die Weltsicht durchschnittlicher FPÖ-Anhänger? Ich bin mir sicher, dass es blaue Österreicher die gibt, die sehr wohl der deutschen Sprache mächtig sind.

Eigentlich wollte ich ein Beispiel aus deren Partei-Bibel zitieren („Handbuch Freiheitlicher Politik“), aber da fiel mir die Auswahl zu schwer. Jede einzelne der Weisheiten darin kommt mir so sinnlos, absurd und unbrauchbar vor wie buntes Klopapier. Ähnliches gilt für die Werbeplakate der

Meinung

Blauen, die immer wieder für Gesprächsstoff sorgen. Qualität und Tiefsinn? Fehlanzeige! Stattdessen dermaßen überzogene Klischees, dass ich – fast! – versucht bin, die FPÖ zu loben: Super, FPÖ, ihr sorgt verlässlich selbst dafür, dass euch eigentlich keiner ernst nehmen kann!

Das allerdings, ich gebe es zu, ist reines Wunschdenken meinerseits. Fakt ist: Niemand kann behaupten, dass die FPÖ eine menschenfreundliche Partei sei. Die gebleichten Zähne des Herrn Strache, die sogar Tom Cruise’ Gebiss alt ausschauen lassen, strahlen nur für Österreicher. Ausnahmslos. Ich muss also logisch davon ausgehen, dass etliche gebürtige Österreicherinnen und Österreicher deshalb die FPÖ wählen, weil sie keine Ausländerinnen und Ausländer im Land haben wollen. Auch das: Wunschdenken weit abseits der Realität.

Das Absurdeste aber ist, dass ich auch viele „Ausländer“ kenne, die FPÖ wählen. Sie glauben vielleicht, dass das österreichische Vaterland sie irgendwann mehr schätzen und besser behandeln wird, wenn sie zu den wenigen Auserwählten gehören, die dann noch übrig sein werden.

Ich sage dazu: Wunschdenken – und zwar von der ganz, ganz naiven Sorte.