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punktierte Linie

Kamele in der Reichenau

Von Alev Topcu-Sahin | Zum Ausländer wird man in Innsbruck durch Ghetto-Bildung oft erst gemacht.

Nach einer langen Urlaubspause wollte ich eigentlich über meine Impressionen aus der Türkei berichten, doch dann schien mir etwas anderes wichtiger.

Ich lebe im Innsbrucker Stadtteil Reichenau. Als ich hier vor sechs Jahren eingezogen bin, war das noch ein Stadtteil wie jeder andere. Das kann ich jetzt nicht mehr behaupten, die Reichenau wird immer mehr zu einem Ghetto. Quasi ein zweites Olympisches Dorf. Warum die Stadt diese Ghetto-Bildung zulässt, verstehe ich nicht. Damit schottet man nämlich nur die einen von den anderen ab. Somit passiert auch keine Integration. Aber auch das Gesamtbild ist davon stark betroffen, vom Wertverlust des Viertels ganz zu schweigen.

Letztens traf ich einen Mann, der im öffentlichen Dienst arbeitet und den ich zufällig kenne. Wir grüßten einander freundlich. Einen Tag später sah ich ihn wieder, und zwar auf dem Fahrrad vor der Volksschule meiner Tochter vorbeifahren – die Menschen vor dem Schultor sichtlich missbilligend inspizierend und den Kopf schüttelnd, nach dem unausgesprochenen Motto: „Du meine Güte, seit wann sind denn die so viele?“

Ich fühlte mich beleidigt und erniedrigt. Ich möchte nicht, dass man herablassend über mich denkt oder mich auch nur so betrachtet! Doch wenn man alle Österreicher mit Migrationshintergrund in dieselbe Gegend steckt, schürt man nur derlei Antipathie.

Verwandte von mir haben vor wenigen Wochen in der Reichenau ein Restaurant-Café eröffnet. Binnen kürzester Zeit bekannt wurde das Dilor’s nicht durch sein schmackhaftes Essen, sondern durch

Meinung

einen unflätigen Drohbrief (hier zu finden). In diesem Brief stand unter anderem: Die beiden Wirte mögen sich auf ihren Kamelen davonschleichen. Unterschrieben von einem „Komitee für einen ausländerfreien Stadtteil Reichenau“. Da greife ich mir an den Kopf: Solch eine Ironie und der Verfasser merkt das nicht einmal?! Die Reichenau besteht fast nur aus Ausländern, aber das hat dieses Komitee offenbar noch nicht geschnallt.

Einen ganzen Stadtteil bzw. den Großteil der Wohnungen, die von der Stadt Innsbruck vergeben werde, in dieser Art zu besiedeln und dann mehr oder weniger sich selbst zu überlassen, ist ein Schuss ins eigene Knie. Jugendliche, die in solchen Ghettos groß werden, haben keine Perspektive, können sich alteingesessenen Innsbruckern gegenüber nicht ausdrücken und werden automatisch immer mehr zu „Ausländern“ – statt zu Österreichern mit Migrationshintergrund. Darin liegt ein Potenzial, das sich früher oder später in der Kriminalitäts- und in der Arbeitslosenstatistik und im Übrigen auch in den Geburtenstationen widerspiegelt.

Sinnvoller schiene mir, Bevölkerungsschichten heterogen zu mischen und in Gegenden, in denen viele „Ausländer“ leben, vermehrt soziale Projekte einzuführen, zu hegen und zu pflegen. Und der beste Ausweg aus dem Teufelskreis: Kindern und Jugendlichen – und deren Eltern! – muss unmissverständlich klar gemacht werden, dass Bildung das wichtigste Instrument für einen sozialen Aufstieg überhaupt ist. Allerdings: Wer sich in höhere soziale Schichten vorarbeitet, will auch mehr mitreden und seine Umgebung mitgestalten. Ob das wirklich erwünscht ist, daran zweifle ich.