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Schlechtwettertrost und TV-Depression

Von Alev Topcu-Sahin | Sie meinen, das Tiroler Wetter sei Grund genug für eine depressive Verstimmung? Probieren Sie es einmal mit türkischem Fernsehen!

Wenn ich so aus dem Fenster sehe, dann ist das erste was mir einfällt: Schokolade! Und als Zweites: Was werde ich wohl heute kochen? Schokolade und Süßigkeiten sind der beste Schlechtwettertrost, den es gibt. Für mich zumindest. Wenn das Regenwetter allerdings länger anhält, überlege ich mir auch, ob ich mir nicht doch eine andere Therapie einfallen lassen soll, damit ich meine nächste Depression nicht beim Blick auf die Waage bekomme.

Als Alternativen zum Essen bieten sich lesen oder fernsehen an. Da es für mich zu Hause tagsüber zu laut ist, um mich auf ein Buch zu konzentrieren, bleibt nicht mehr viel übrig, also schau ich fern. Ich ziehe deutsch- oder englischsprachige Sender türkischsprachigen vor, aber wenn bei ersteren nichts läuft, müssen halt doch die „einheimischen“ Sender ausreichen. Es ist für mich jedes Mal ein Kulturschock, auf einen türkischen Sender umzuschalten, weil einem dort (auf allen Sendern, nicht nur reinen Werbekanälen!) entweder was verkauft wird oder man Seifenopern sieht, bis einem schlecht wird. Wie viele Dienstmädchen, die eigentlich die verloren gegangenen Töchter ihrer Hausherren sind, wie viele arme, aber ehrbare Mädchen, die reiche, aber hübsche Burschen bekommen, wie viele Blinde, die auf wundersame Weise wieder sehend werden, erträgt ein normaler Mensch? Antwort: Immer noch mehr davon als von Unmengen Polit-Propaganda, dem dritten Standbein türkischen Fernsehens.

Das türkische Fernsehen ist dermaßen einseitig geworden, dass es seinen Zuschauern

Meinung

unmöglich macht, sich unparteiisch, unvoreingenommen und neutral ein Bild zu machen – egal wovon. Es ist, als würde man sich vom Rest der Welt abkoppeln und in einer anderen Welt leben. Ich komme mir vor, als würde ich meinen Horizont blickdicht einzäunen, statt ihn zu erweitern. Diese Art von Fernsehen langweilt mich schnell. Ich suche mir lieber Dokumentationen. Aber solche, in denen es nicht um Löwen oder sonstige Raubtiere, sondern um andere Sitten,Gebräuche, Naturwissenschaften, fremde oder untergegangene Kulturen geht, sind im freien türkischen Fernsehen Mangelware. Und Pay-TV ist (auch) in der Türkei sehr teuer.

Nicht jeder, der Geld hat, hat auch automatisch einen großen Horizont (und umgekehrt), Aber tendenziell ist es, behaupte ich, so: Wohlhabende, gebildete Zuschauer brauchen das Fernsehen gar nicht, um „gescheider“ zu werden. Dem großen Rest gegenüber erfüllt das Fernsehen seine aufklärerische Funktion, die es meiner Meinung nach auch haben sollte, aber keineswegs. Und die einseitige politische Berichterstattung setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Da ist es für mich kein Wunder, das viele ihre Vorurteile nicht loswerden, weil sie eben den ganzen Tag nur türkisch fernsehen; ich kenne auch in Tirol sehr viele Türken, die physisch zwar hier sind, aber psychisch in der Türkei leben.

Besonders in Zeiten wie diesen, in denen sich der Nahe und Mittlere Osten als Pulverfass präsentieren, halte ich das für ein sehr gefährliches Spiel.