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punktierte Linie

Das Lexikon der Körpersprache

Von Alev Topcu-Sahin | Türkinnen und Türken reden meistens laut und immer mit dem ganzen Körper. Und Lachverbote sind ein Zeichen von Angst.

Jeder, der schon einmal Türken bei einer Diskussion oder einfach beim Quatschen zugesehen hat, weiß, dass damit sehr viel Temperament und auch sehr viel Körpersprache verbunden ist. Und leise sind wir auch nicht immer. Da kann es schon passieren, dass ein Österreicher dies falsch versteht, sich angegriffen oder gar beleidigt fühlt. Aber diese Art der Kommunikation ist für uns so normal, wie das „Pfiati“ für Tiroler.

Wir reden gerne laut. Für Außenstehende sieht das mitunter aus, als würden die Fetzen fliegen, dabei kann es um etwas ganz Banales wie ein neues Kochrezept gehen. Wenn ich zum Beispiel über den Geschmack einer Speise spreche und meinen Kopf nach hinten beuge und nach oben schaue, dann bedeutet das: Das Zeug schmeckt himmlisch, wie nicht von dieser Welt.

Die Hände spielen für uns beim Reden auch eine sehr große Rolle. Wenn ich jemanden anschaue, meinen rechten Mundwinkel etwas nach oben ziehe, gleichzeitig die senkrecht ausgestreckte rechte Hand nach rechts und nach links neige und meinen Kopf synchron dazu auch ganz kurz und knapp nach links und rechts drehe, dann meine ich eigentlich nichts anderes als: „Gibt’s was Neues?“ Glauben Sie mir: Das klingt geschrieben viel schwieriger als es ist.

Meinung

Auch unter Türkinnen und Türken kann Körpersprache schnell falsch verstanden werden. Ganz besonders betroffen davon sind Frauen. Männer benutzen immer gern Ausreden wie „Sie hat mir signalisiert, dass ich sie ansprechen soll!“ Das heißt auf Deutsch, dass eine türkische Frau so wenig „Signale“ wie möglich ausstrahlen soll.

In einer Kultur, in der jeglicher Ausdruck von Sexualität in der Öffentlichkeit verpönt ist, wird die Frau automatisch als eine gesellschaftliche Bedrohung angesehen. Da muss sie dann schon auf jede Geste und Mimik achten, damit sie nicht unversehens als Nymphomanin rüberkommt. Türkische Medien berichten immer wieder darüber, dass Politiker über das öffentliche Auftreten von Frauen und deren damit verbundene Verantwortung debattieren. Zurzeit wird ja bekanntlich – in ganz Europa viel beachtet – darüber diskutiert, ob eine Frau in der Öffentlichkeit oder auch nur zu Hause laut lachen dürfe.

Die Antwort unzähliger Türkinnen auf diese Idee hätte deutlicher nicht ausfallen können: Sie haben in sozialen Medien ihr lautes, unbeschwertes Lachen gepostet. Sind solche Debatten lächerlich oder womöglich doch notwendig? Für mich sind sie ein weiteres Zeichen der Angst, die die türkische Gesellschaft vor starken Frauen hat.