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Einfach
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Von Alev Topcu-Sahin | Ich bin anscheinend nicht echt. Weder in Tirol noch in der Türkei, obwohl ich beide Länder liebe.

Man kann noch so angepasst und integriert und tirolerisch sein. Spätestens im Sommer packt einen als Türkin das Nachhausefahr-Fieber. Egal, wie alt man ist oder aus welcher sozialen Schicht man auch kommt. Urlaub wird immer zu Hause gemacht, und „zu Hause“ ist auch die Türkei.

Ich lebe ein Leben zwischen zwei Welten. So erfüllt mein Leben hier in Tirol auch ist, früher oder später bekomme ich doch Heimweh nach einem Land, in dem ich weder geboren noch aufgewachsen bin. Ein Jahr lang nicht in die Türkei fahren zu können, wäre für mich ein Grund für eine Depression. Aber wenn ich dann länger in der Türkei bin, bekomme ich wieder Heimweh – nach Tirol. Wir türkischen Tirolerinnen und Tiroler haben zwei Heimaten, eine Tatsache, die für Außenstehende oft schwer nachzuvollziehen ist.

Ein wichtiger Grund dafür, dass es uns immer wieder in die Türkei zieht, ist die Familie. Wir sind sehr familienbezogene Menschen, viele Verwandte leben in der Türkei.

Dazu kommt, dass unsere Kaufkraft in der Türkei dank des hohen Eurokurses sehr hoch ist, allerdings nur, solange wir uns als Urlauber dort bewegen. Ironischerweise profitieren wir im Urlaub von der desaströsen Inflation in der Türkei. Dauerhaft dort zu leben und zu arbeiten, um sich einen Lebensstandard wie im Urlaub zu finanzieren, wäre für Normalverdiener völlig unmöglich. Mir den Bauch mit frischen Feigen voll zu schlagen, bis mir fast schlecht wird, kostet mich in der Türkei keine

Meinung

fünf Euro. Hier in Tirol müsste ich für drei Stück fast so viel bezahlen.

Andererseits merke ich in der Türkei deutlicher als sonst irgendwo, dass ich eben auch eine Österreicherin bin. Ich bin an die österreichische Bürokratie und österreichische Verkehrsregeln gewöhnt. Was bedeutet, dass ich dort nicht Auto fahren kann, weil ich Angst habe, angefahren zu werden oder selbst jemanden zu überfahren. Meine Disziplin, mein Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn sind durch und durch österreichisch – was zur Folge hat, dass ich mich im Urlaub über Banalitäten ärgere, über die Einheimische nur lachen oder schlimmstenfalls die Augen verdrehen.

Ich bin Türkin und doch gleichzeitig eine Ausländerin in der Türkei. Das ist eine verletzende Erfahrung für mich. Unser Türkisch ist mit der Zeit Deutschtürkisch geworden. Wir hören das nicht, türkische Türken aber schon. Was mitunter zur Folge hat, dass ich in einem Geschäft übers Ohr gehaut werde, weil meine Tarnung als Einheimische aufgeflogen ist.

Ich liebe Tirol und ich liebe die Türkei. Ich könnte nicht leben, müsste ich einen der beiden Orte missen. Und trotzdem bin ich anscheinend weder eine echte Tirolerin noch eine echte Türkin.

Zumindest in den Augen derer, die sich und ihre hundertprozentige Zugehörigkeit zu einem Ort als die einzig echte Möglichkeit betrachten, Heimatgefühle zu entwickeln.