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Gefühle

Von Alev Topcu-Sahin | Für Beziehungen zwischen Türken und Österreicherinnen gelten andere Regeln als zwischen Türkinnen und Österreichern.

Türkische Schürzenjäger, die Jagd auf Blondinen machen – das ist ein sattsam bekanntes Klischee. Aber nicht nur. Ein türkischer Mann in Österreich hat meiner Erfahrung nach mindestens einmal in seinem Leben eine Beziehung (welcher Art auch immer) zu einer Österreicherin. Von türkischen Frauen in Österreich kann ich das umgekehrt allerdings nicht sagen. Das Phänomen betrifft offenbar fast nur Männer. Warum ist das so?

Ich beobachte: Ein türkischer Mann ist in der Regel nicht dazu angehalten, ein Vertreter und Verteidiger der „Familienehre“ zu sein. Ganz im Gegenteil. Die meisten Eltern sind stolz auf die Männlichkeit ihrer Söhne, wenn sie Beziehungen mit Österreicherinnen führen. Der Aspekt des kulturellen Austausches steht bei solchen Beziehungen eher im Hintergrund. Sie sind – lassen Sie es mich so sagen: zumeist eher einschlägiger Natur.

Frauen hingegen sind die alleinigen Wächterinnen dessen, was als Ehre der Familie gilt. Sie tragen sehr viel Verantwortung ihren Familien gegenüber; wenn sie in den Augen ihrer Angehörigen etwas falsch machen, „beschmutzen“ sie damit alle Familienmitglieder. Es ist enorm schwierig für junge türkische Mädchen, zu einer Liebesbeziehung zu stehen, noch schwieriger, wenn sie sich mit österreichischen Burschen zusammentun. Von Geschlechtsverkehr ganz zu schweigen. Denn in der traditionellen türkischen Kultur wird die „Unschuld“ der Frau vor der Ehe ganz groß

Meinung

geschrieben.

Obwohl sich im Laufe der Jahre das Selbstverständnis vieler türkischer Frauen geändert hat, ist dieses Thema immer noch ein großes Tabu. Aber nicht bei den Männern. Das ist auch der Grund, warum türkische Männer mit Österreicherinnen ausgehen und Spaß haben, unabhängig davon, ob sich daraus eine ernsthafte Beziehung entwickelt. Das passiert nämlich nach wie vor nur in den seltensten Fällen. Geheiratet wird dann doch lieber eine Türkin.

Im traditionellen türkischen Verständnis haben sich die Frauen nach wie vor den Männern zu unterwerfen. Die Frau wird materialisiert und ist kein selbständiges Individuum. Alles Materielle hat seinen Besitzer, und was einem gehört, das gibt man nicht gerne her. Das ist so, als würde man seine eigenen Schuhe jemandem anderen borgen.

Sich dem gesellschaftlichen Druck zu widersetzen und zu lernen, sich als eigenständiges, freies Individuum zu begreifen, ist für türkische Frauen noch schwieriger als es meiner Beobachtung nach auch für gar nicht so wenige Österreicherinnen immer noch ist. Gerade deshalb bin ich stolz, wenn ich sehe, dass es in der heute jungen Generation meiner Landsfrauen viele gibt, die dem Druck standhalten. Und ich hoffe auf junge Landsmänner, die erkennen, dass es sie keineswegs männlicher macht, wenn sie Frauen behandeln wie ihre Lieblingsschuhe.