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punktierte Linie

Es gibt solche
und solche

Von Alev Topcu-Sahin | Vorurteile hat jeder Mensch. Gerade deshalb muss man darauf achten, nicht alle Menschen über einen Kamm zu scheren.

Wenn ich mich mit meinen Freundinnen über Gott und die Österreicher unterhalte, kommen wir immer wieder zum gleichen Schluss: „Es sind nicht alle gleich!“ Die Rede ist vom traditionellen Vorurteilstratsch. Egal ob alt oder jung, gebildet oder weniger gebildet: Irgendwo in einer Ecke jeder Persönlichkeit sitzt ein Vorurteil – oft ohne, dass es einem selbst auf Anhieb bewusst ist.

Neulich wollten wir schwimmen gehen – zum ersten Mal ins Freizeitzentrum Mutters (von dem wir, nebenbei bemerkt, übrigens begeistert waren). Der Parkplatz war voll, aber zufällig fuhr gerade vor uns ein Autofahrer aus einer Lücke nahe beim Schwimmbadeingang. Während wir unsere sieben Sachen ausluden, bemerkte ich einen Mann, der immer näher an unser Auto heranschlich und sich schließlich vor mir aufbaute. Er schnauzte mich an, ich dürfe dort nicht parken, weil ich damit ein anderes Auto behindere. Auf meinen Hinweis, dass in derselben Lücke vor einer Minute noch ein anderes Auto gestanden sei und wir im Gegensatz zu dem dritten Auto, das planlos in der Wiese abgestellt worden war, absolut regulär parkten, kam in triumphierendem Ton ein neues Argument: Der ganze Platz sei sowieso Feuerwehrzone, ich solle mich gefälligst auf einen anderen Parkplatz trollen – mehrere hundert Meter weit weg (und im Übrigen für Wanderer reserviert, wie ich später

Meinung

feststellte).

Ich habe den Mann ignoriert und mein Auto natürlich nicht weggestellt. Wohl irritiert von so viel ausländischer Emanzipation suchte der freundliche Herr das Weite, nicht ohne mir noch mit der Polizei und dem Abschleppen zu drohen.

Mein Resümee, ein Musterbeispiel für ein zum Klischee gewordenen Vorurteil in meiner Welt: „Der mag keine Ausländer!“

Zwei Wochen später, selber Schauplatz. Der Parkplatz wieder voll, ich entdeckte nach längerem Suchen einen Mann, der gerade dabei war, seine Sachen ins Auto zu packen. Auf meine Frage, ob er wegfahren würde, antwortete er: „Ja, aber es dauert noch, ich muss noch auf jemanden warten.“ In der Not war ich bereit, auch eine Wartezeit in Kauf zu nehmen. Als der Mann das bemerkte, trat er an mein Auto heran und meinte freundlich, er könne genauso gut den Platz räumen und woanders warten, damit ich einparken, schwimmen gehen und nicht noch länger bei dieser Hitze im Auto warten müsse…
Ein Paradebeispiel dafür, dass man nie alle Menschen über einen Kamm scheren darf. Österreicher genauso wenig wie Nichtösterreicher.