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Grillen im Aquarium

Von Alev Topcu-Sahin | Ethnische Minderheiten in Tirol könnten unterschiedlicher nicht sein. Es gibt aber Gelegenheiten, bei denen sich Mehrheiten und eine Gemeinsamkeiten bilden.

Die Kinder ins Auto gepackt. Sonnenschirm und Decken im Kofferraum mit den Spielsachen verstaut. Zu Guter Letzt noch schnell die Kühltasche mit dem Proviant irgendwo im Auto untergebracht, und schon kann es losgehen. Wir fahren nach Kranebitten!

Die Rede ist von unserem alljährlichen fixen Sommerritual, nämlich Picknicken. Kaum entwickelt die Sonne eine gewisse Kraft, liegen auch schon Grillkohle und Pappteller bereit für ihren intensiven Einsatz. Genügend sonnige Tage finden sich immer; problematischer gestaltet sich in Innsbruck die Suche nach einem geeigneten Grillplatz für Familien, der auch Spielplatz sein muss. Wohin geht’s also? Nach Kranebitten.

Zwar wurde das Grillen dort vom Magistrat eingeschränkt. Nur noch das erste Drittel der Wiese ist für das Grillen vorgesehen und mit Holzbalken abgegrenzt, der Rest besteht aus Spielplatz und Liegewiese. Das hat zur Folge, dass man oft lange Strecken zwischen Grill- und Sitzplatz zurücklegen muss. Das kann uns aber nicht ernsthaft davon abhalten, bei jeder nur irgendwie möglichen Gelegenheit unser Paradies aufzusuchen. Ich kenne in meinem Umfeld keinen Menschen, in dessen Kindheit Kranebitten keine Rolle gespielt hätte. Meine Generation ist dort groß geworden und für meine Kinder wird es genauso sein.

Grillen in Kranebitten bedeutet für mich jedes Mal einen Kulturclash der friedlichen Art: Angefangen vom Nahen Osten über Kurdistan, die Türkei und alle Balkanländer bis hin zu Ex-Jugoslawien sind dort im Sommer alle vertreten. Jeder kennt jeden,

Meinung

weil fast immer dieselben Familien zum Grillen kommen. Manchmal sind auch österreichische Familien da, aber nur manchmal. Schade, dass – zumindest interpretiere ich das so – die Scheu vor so viel Unbekanntem größer ist als die Lust auf ein ausgelassenes multikulturelles Picknick, bei dem jeder den anderen so sein lässt, wie er eben ist. Und grillt. Im normalen Leben würden sich viele der hier regelmäßig vertretenen Nationalitäten bekanntlich nicht vertragen. Und als Angehörige einer Minderheit fühlt man sich immer wieder einmal wie in einem Aquarium voller bunter Fische, die einander – obwohl alle im selben Aquarium schwimmen – misstrauisch beäugen, weil ein anderer Fisch ja bunter sein könnte als man selbst. Aber beim Picknicken geht es nicht um Vorurteile. Und es geht auch nicht darum, ob die österreichischen Österreicher uns gegenüber tolerant oder intolerant sind – jene Gemeinsamkeit, die im Alltag ironischerweise oft das einzig Verbindende zwischen diversen Minderheiten ist. Hier in Kranebitten sind höchstens kulinarische Unterschiede und die inoffiziellen Wettbewerbe interessant, wer besser im Grillen ist. Da werden nicht einfach Hähnchenkeulen gebrutzelt, sondern Fleischspezialitäten aller Art zubereitet, die jedem Restaurant zur Ehre gereichen würden. Viele Frauen backen auch traditionelles Fladenbrot.

In Kranebitten ist man unter seinesgleichen und doch wieder nicht. Wir sind individuell und gleichzeitig eine bunte Gemeinschaft. Alle wollen dazugehören. Die Kinder laufen frei herum und amüsieren sich prächtig. Und ab und zu taucht eines der Kinder bei seiner Mutter auf, um vom frischen Fladenbrot zu naschen.