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punktierte Linie

Der fromme
Norbert oder
Pfiat di Gott,
schöne Gegend!

Von Irene Heisz | Norbert Hofer fleht um göttlichen Beistand für die Bundespräsidentenwahl. Das ist abscheulich, aber ziemlich clever.

Ich persönlich kenne ja viele Leute, die bereit wären, ihr hartnäckiges Nichtverhältnis zu Gott auf eine neue, vertrauensvollere Basis zu stellen oder wenigstens ein Opferkerzerl anzuzünden, wenn der fromme Norbert nicht Bundespräsident würde. Aber gut, ich bin erstens nicht repräsentativ, zweitens Gott sei Dank Atheistin und mir, drittens, absolut sicher, dass es weder in der katholischen Kirche noch in den diversen evangelischen Kirchen als Gottesbeweis durchginge, falls Herr Hofer doch Präsident würde. Eher schon wäre das ein Fall für die bekanntlich unlösbare Theodizee-Frage: Wie kann Gott, wenn er gütig und gerecht ist, zulassen, dass unser schönes Land von der FPÖ übernommen wird?

Aber abseits halbseidener Religionswitze: Dass Österreich von Gottes Gnaden regiert wird, haben wir ja nun wirklich schon bald 100 Jahre hinter uns. Noch nicht ganz so lange, aber auch schon seit gut 70 Jahren gilt als gesichert, dass rechtsaußen verortete Politik und das Christentum keine Freunde sind. Abgesehen von irrlichternden Originalen wie dem ehemaligen Nationalratsabgeordneten und Volksanwalt Ewald Stadler, dem selbst die FPÖ längst zu liberal ist, pflegen die Blauen normalerweise sorgsam ihren strammen Antiklerikalismus. H.C. Straches Vorstöße ins serbisch-orthodoxe Lager hat schließlich nicht einmal er selbst so richtig ernstgenommen.

Dennoch präsentiert sich die FPÖ mit ihren

Meinung

„So wahr mir Gott helfe“-Plakaten gewissermaßen in Bestform. Sie hat eine Doppelmühle aufgebaut, aus der es kaum ein Entrinnen gibt: Aufgeregte Debatten, also jede Menge Aufmerksamkeit und unbezahlbare Medienpräsenz sind garantiert (um nicht zu sagen: so sicher wie das Amen im Gebet). Die linke Agnostikerschickeria, bei der für Hofer sowieso nichts zu holen ist, fühlt sich bestätigt, mehr aber auch nicht. Und extrem konservative Christenmenschen, in denen die Furcht vor dem Islam und das Gebot der Nächstenliebe einen Kampf austragen, gegen den das Treiben der vier apokalyptischen Reiter eine Zirkusvorstellung ist, könnten womöglich der Versuchung erliegen, ihr Kreuzerl Norbert Hofer tragen zu lassen. Weil so weit, dass man hierzulande nicht mehr öffentlich sagen darf, dass man an Gott glaubt, sind wir ja gerade noch nicht, oder?

Kurz: Den lieben Gott auf diese Weise vorzuführen, ist abscheulich, aber ziemlich clever. Entsprechend scharf und unmissverständlich, quasi kurz vor der Kirchenzucht, haben Österreichs höchste evangelische Würdenträger reagiert. Ob hingegen bei der katholischen Bischofskonferenz jemand zu Hause ist, ist noch unklar. Es stünde den katholischen Bischöfen jedenfalls gut zu Gesicht, ihre übliche Zurückhaltung in Sachen Tagespolitik aufzugeben. Denn sie brauchen sich zwar nicht mehr für den nunmehr evangelischen Glaubensbruder Hofer zuständig zu fühlen. Für das göttliche Prinzip und dessen Erklärung aber schon.

Und seien Sie — apropos irrlichtern! — doch freundlicherweise so gut, Exzellenzen, das Feld nicht ein weiteres Mal Ihrem Salzburger Kollegen Andreas Laun zu überlassen!