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punktierte Linie

Zu gut, um
wahr zu sein

Von Irene Heisz | Christian (ist nicht des Pudels) Kern, aber auch ein begabter Verführer. Fürs Erste seiner eigenen Partei und der ÖVP. Auf mehr kann man, geschlagen mit Realismus, vorläufig nur vage hoffen.

Wenn einer, sagen wir: ein Spitzenpolitiker, zu gut wirkt, um wahr zu sein, dann neigt unsereins reflexartig zu der Schlussfolgerung, dass derjenige dann eben auch nicht wahr sein könne. Das ist eine chronische Berufskrankheit, dagegen kann man nichts machen, wenn man im Laufe eines langen Journalistinnenlebens einen Spitzenpolitiker nach dem anderen kommen und gehen (bzw. gegangen werden) sieht. Hinzuzufügen ist: Man kommt in der Beobachtung von oder auch im Umgang mit Spitzenpolitikern nicht allzu oft in die Verlegenheit, darüber nachzudenken, ob die Einschätzung „zu gut, um wahr zu sein“ zutreffen könnte. Zu wahr, um gut zu sein, ist übrigens ähnlich selten der Fall.

Jetzt also Christian Kern, der quer, aber keineswegs unvorbereitet in die Bundes- und die Parteipolitik eingestiegen ist und sämtliche denkbaren niederen Dienste (etwa einen Ministerposten) elegant übersprungen hat. Man hört ihm zu und staunt: Kern sagt das Richtige im richtigen Tonfall (hier zu finden). Er wirkt auf-richtig, weil er Fragen nicht platt manipulativ ausweicht, sondern diese besonnen, demonstrativ ruhig und vergleichsweise direkt beantwortet. Er schaut so richtig aus, wie man als Regierungschef nur ausschauen kann: fesch, aber nicht geckartig schön; jung genug, aber nicht bubihaft; sportlich-energetisch, aber nicht hyperaktiv; seriös, aber nicht verhärmt. Und er sagt sogar unumwunden, dass er den richtigen Bundespräsidenten wählen wird.

Ob Christian Kern wenigstens halb so wahr ist wie gut, muss er, wie er auch selbst energisch betont, sehr bald beweisen. Sonst wird seine Amtszeit als Bundeskanzler als sehr kurze in die österreichischen Annalen eingehen, und das scheint nicht seiner Lebensplanung zu entsprechen. So, wie Kern die Sache angeht,

Meinung

hätte er wohl irgendwann in der Geschichtsschreibung gern das Wort „Ära“ vor seinem Namen stehen.

Was man jetzt schon gefahrlos behaupten kann: Der Mann ist gewiss nicht des Pudels Kern im Faust’schen Sinn (also Mephisto), aber jedenfalls auch ein begabter Verführer, fürs Erste seiner eigenen Partei. Zwar wissen die SPÖler naturgemäß auch noch nicht, was ihr Neuer politisch wirklich zusammenbringen wird, aber aus irgendeinem, argumentativ nicht felsenfest untermauerten Grund glauben sie plötzlich wieder zu wissen, warum sie überhaupt bei der SPÖ sind. Das kann Kern durchaus als ersten Erfolg verbuchen, obwohl die heißen Liebesschwüre zum Teil eine bloße Vorsichtsmaßnahme sein mögen. Man stellt sich, wenn man nicht ganz dumm oder ganz mutig ist, nicht von vornherein schlecht mit einem Neuen, dem es vielleicht an allem Möglichen mangelt (das werden wir noch früh genug herausfinden), aber eher nicht an Durchsetzungskraft.

Ähnlich verhält sich der Koalitionspartner ÖVP. Es ist schon fast drollig anzuschauen, wie Vizekanzler und VP-Chef Reinhold Mitterlehner sich bemüht, für sich selbst und die Seinen etwas vom Kern-Schatten abzubekommen. Vermutlich spekuliert er damit, auf diese Art doch noch jenem Schicksal zu entgehen, das Werner Faymann ereilt hat (Sie erinnern sich, das war der letzte SPÖ-Vorsitzende und Bundeskanzler in der Zeitrechnung vor Christian). Oder demnächst schon H.C. Strache den Vizekanzler machen zu müssen. Letzteres wünscht man nicht nur Mitterlehner nicht. Dafür zu sorgen, dass das Wünschen noch was hilft, wird eine weit schwierigere Aufgabe für Kern, als bei so hartgesottenen wie frustrierten SPÖ-Funktionärinnen und -Funktionären für feuchte Augen und Extrasystolen zu sorgen.