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punktierte Linie

Ausschlag
gebend

Von Irene Heisz | Irmgard Griss strebt ein politisches Amt an, weiß aber noch nicht, wem sie sich dazu am besten andienen soll. Mit der FPÖ jedenfalls will sie es sich sicherheitshalber nicht vertun.

Als Irmgard Griss Bundespräsidentin werden wollte, war ihr größter und einziger Vorzug, dass sie keine Politikerin war. Das schien bekanntlich nicht wenigen Menschen im Wahlalter verlockend. Schließlich gilt in Österreich als gesichertes Gemeinwissen: Diese Republik krankt u.a. daran, dass zu viele Politikerinnen und Politiker zu abhängig von ihren schwerfälligen (Partei-)Systemen sind, zu vielen Leuten zu viele Gefallen schulden, auf zu viele Interessen zu undurchsichtiger Provenienz Rücksicht nehmen müssen. Für mich allerdings war eben dieser vermeintliche Vorzug ausschlaggebend dafür, Frau Griss nicht zu wählen.

Denn man mag über die Bedeutung der Bundespräsidentschaft unterschiedlicher Meinung sein. Und es ist nicht auszuschließen, dass wir uns schon demnächst „noch wundern“ müssen, was in diesem Amt „alles möglich ist“, wie Norbert Hofer es auszudrücken beliebte, als ihm kurzfristig sein Vorrat an essbarer Kreide ausgegangen war. Aber für ein Praktikum, ein training on the job, ist das Amt jedenfalls zu bedeutend, nicht zuletzt wegen der lange gemeinhin ungeahnten Rechte und Möglichkeiten, die unsere Verfassung dem Bundespräsidenten/der Bundespräsidentin einräumt. In das höchste politische Amt im Staat eine Person zu entsenden, die keinerlei politische Erfahrung hat bzw. sie womöglich zu wählen, weil sie keinerlei einschlägige Erfahrung hat, entbehrte für mich also entschieden der nötigen Logik.

Inzwischen hat Frau Griss in schier atemberaubenden Tempo gelernt, sich wie das schlimmstmögliche Negativbeispiel eine Politikerin zu verhalten. Oder präziser, wie jemand, der dringend ein möglichst hohes politisches Amt anstrebt, aber aufgrund der aktuellen, sehr unübersichtlichen politischen Gemengelage noch nicht so genau weiß, wem er sich dazu am besten andienen soll. Klar ist nur: Es sich mit der FPÖ zu

Meinung

vertun, könnte Ambitionen auf ein Ministeramt in der nächsten Regierung ziemlich abträglich sein. Also übt sich Griss in einer zirkusreifen Vorstellung als Schlangenmensch und verweigert beharrlich eine klare Aussage zur Stichwahl am 22. Mai.

Dass sie sich damit in der arg ramponierten Gesellschaft der ÖVP-Spitze wiederfindet, macht die Sache nicht besser (über die SPÖ-Spitze würde man ja gern auch etwas sagen, wenn es denn eine SPÖ-Spitze gäbe. Oder eine SPÖ. Aber das ist ein anderes trauriges Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte). Statt an Österreichs Interessen, Zukunft und Ansehen zu denken, sich also laut und deutlich für den bürgerlichen Grünen Alexander van der Bellen und gegen einen Rechtsaußen wie Norbert Hofer als Bundespräsident auszusprechen, wedeln Irmgard Griss und jene, die offiziell für die Schwarzen reden, hektisch mit der Sentenz vom mündigen Wähler herum, der doch bitteschön keine Wahlempfehlung „brauche“.

Das ist ein erbärmliches Scheinargument, das die Intelligenz des mündigen Wählers und der mündigen Wählerin beleidigt. In welcher Weise könnte es denn irgendjemandes staatsbürgerliche Reife und Selbständigkeit untergraben, sich eine Empfehlung von jemandem, dem er politisch nahesteht, anzuhören und dann danach zu handeln (zu wählen) — oder eben auch nicht?

Dass Irmgard Griss keine Politikerin ist, war für mich ausschlaggebend, sie nicht zu wählen. Mit ihrer Nichtdeklaration für van der Bellen pulverisiert sie ihren politischen Anstand, bevor sie auch nur in die Nähe der Verlegenheit kam, diesen Anstand in einem politischen Amt auf seine Widerstandsfähigkeit gegen die Niederungen der Realität zu testen. Auch das ist Ausschlag gebend. Es verursacht einen böse juckenden, nässenden Ausschlag von der politpathologischen Sorte.