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punktierte Linie

Nüchtern bleiben,
aufrecht gehen

Von Irene Heisz | Man muss kein glühender Fan von Alexander van der Bellen sein, um Norbert Hofer von der Hofburg fernhalten zu wollen. Aber den Gefallen, mich wohlig vor der FPÖ zu fürchten, tue ich den Blauen nicht.

Wissen Sie, was mir in diesen Tagen zwischen den Wahlen am meisten auf die Nerven geht? Die Angstlust vor einem FPÖ-Bundespräsidenten und dem, was Herr Hofer alles anstellen könnte/würde, damit sich unsereins „noch wundert“.

Selbstverständlich will ich keinen deutschnationalen, xenophoben Rechtsaußen als Bundespräsidenten. Selbstverständlich will ich nicht mit einem Menschen dieser Gesinnung identifiziert werden und mich von ihm in der Welt vertreten lassen müssen. Selbstverständlich beunruhigt es mich massiv, wie viele meiner Landsleute weder aus der jüngeren noch aus der jüngsten Geschichte irgendetwas Vernünftiges gelernt haben. Aber ich weigere mich, mich zu fürchten. Wer nämlich im Hirn zittert wie das redensartliche Espenlaub, der tut sich schwer, die Dinge scharf zu sehen. Diesen Gefallen tue ich den Blauen nicht.

Zwingen wir uns zu kühler Nüchternheit. Überlassen wir die Irrationalität und die Hysterie denen, die in Norbert Hofer und der FPÖ das Heil gegen alle vermeintlichen und echten Übel dieser Welt suchen. Die Blauen und ihre Anhängerschaft als „Nazis“ zu qualifizieren oder sonstige übererregte Beschimpfungen aus dem Schaum vor dem Mund blubbern zu lassen, ist wenig hilfreich. Es bringt nichts — außer den derart Titulierten die stets höchst willkommene Gelegenheit, sich zu Opfern eines linken Meinungsterrors zu stilisieren. Auf den viel beschworenen antifaschistischen Konsens in der Zweiten Republik würde ich ja nun nicht wetten, aber „Nazi“ gilt doch noch als klagbares Schimpfwort in diesem Land. Immerhin. Ich betrachte das als positiv.

Zwingen wir uns zu kühler Nüchternheit. Hofer-Wählerinnen und -Wähler mit dem naiven Satz „Das sind nicht alles Rechte…“ vor sich selbst in Schutz zu nehmen, erübrigt sich. Es spielt keine Rolle, ob alle, die am 24. April Herrn Hofer gewählt haben oder vorhaben, sich am 22. Mai erstmals bzw. wieder in dieser Richtung zu betätigen, sich tatsächlich mit dem Parteiprogramm der FPÖ identifizieren. Oder ob sie es überhaupt kennen oder bloß wegen chronischer Verstopfung chronisch grantig auf die ganze Welt sind. Die Blauen haben hinlänglich und jenseits jeden wohlwollenden Zweifels bewiesen, dass mit ihnen kein demokratischer Staat zu machen und der kleine Mann, um den sie sich kümmern, immer nur der kleine FPÖ-Funktionär ist. Einmal ganz abgesehen davon, dass Rückwärtsgewandtheit grundsätzlich und per definitionem nicht zukunftsfähig ist.

Meinung

Es bleibt rätselhaft, wieso offenbar viele Österreicherinnen und Österreicher glauben, ausgerechnet mit dem Chefideologen dieser Partei die chronische rot-schwarze Polit-Verstopfung im Land in Wohlgefallen auflösen zu können. Kleiner medizinischer Grundkurs: Eine Überdosis Abführmittel führt unweigerlich zu sehr, sehr übel riechendem Durchfall. Wer also geschäftsfähig ist, einen Führerschein machen und wählen darf, ist auch für das, was er wählt, verantwortlich zu machen. Und sich im Nachhinein mit einer kollektiven Amnesie aus einer historischen Verantwortung zu stehlen, hat zwar einmal ganz gut funktioniert. Aber letztlich auch nur ein paar Jahrzehnte lang.

Zwingen wir uns zu kühler Nüchternheit. Gehen wir nicht dem FPÖ-Vorsitzenden Heinz-Christian Strache und den Meinungsforschern auf den Leim, die — der eine unter Garantie vorsätzlich, die anderen vielleicht nur im verzweifelten Bemühen, sich an den Fellen, die ihnen zu Recht davonschwimmen, festzukrallen — von „Zwischenbestzeit“ und einem Vorsprung, der nur ganz, ganz schwer aufzuholen sei, faseln. Das, Herrschaften, ist nämlich kein Skirennen, bei dem Marcel Hirscher nach dem ersten Durchgang zweieinhalb Sekunden hinter Henrik Kristoffersen liegt (oder umgekehrt) und im zweiten Durchgang schier Unmögliches möglich machen müsste. Das Interessante an einer Bundespräsidentschaftswahl ist, dass vor dem zweiten Durchgang die Zähler auf Null gestellt werden und keiner der beiden Kandidaten die im ersten Durchgang erreichten Stimmen mitnehmen kann.

Zwingen wir uns also zu kühler Nüchternheit. Gut ein Drittel derer, die am ersten Wahlgang teilgenommen haben, wollen Norbert Hofer. Das heißt im Umkehrschluss, dass knapp zwei Drittel ihn nicht wollen (und ich vermute aufgrund höchstpersönlicher, nicht repräsentativer Wahrnehmungen in meinem weiteren Umfeld: Die meisten davon wollen ihn entschieden nicht). Und dann wären da noch jene 31,5 Prozent, wiederum ein knappes Drittel, die sich im ersten Wahlgang gar nicht erst die Mühe gemacht haben, ihr einfachstes demokratisches Recht wahrzunehmen. Da ist für die Stichwahl alles drin. Man muss kein glühender Fan von Alexander van der Bellen sein, um einen FPÖ-Bundespräsidenten strikt abzulehnen. Es genügt vollkommen, eine aufrechte Haltung zu unserer Demokratie einzunehmen, um den Vertreter einer stramm rechten, antidemokratischen FPÖ von der Hofburg fernzuhalten. Es müssen ihm nur 50 Prozent plus ein Mensch in der Wahlzelle höflich ausrichten, dass sie seine Ideen nicht teilen.