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Nie laut, aber
immer deutlich

Von Irene Heisz | Bischof Manfred Scheuer hat sich selbst und Tirol zugemutet, genau hinzuhören und Widerspruch auszuhalten. Er wird der geistigen Kultur dieses Landes fehlen.

Kalt war’s am 10. Jänner nachmittags im Dom zu St. Jakob. Das ist in diesem speziellen Fall nicht als Metapher auf die Zustände in der katholischen Kirche zu verstehen, sondern lediglich als Beschreibung der Tatsache, dass ein riesiges barockes Gemäuer, selbst in randvoll mit warmen Menschenleibern gefülltem Zustand kaum zu heizen ist. Die Atmosphäre im Innsbrucker Dom war an diesem Sonntagnachmittag zum Abschiedsgottesdienst von Bischof Manfred Scheuer nämlich sogar ausgesprochen warmherzig. Und für viele der Anwesenden ganz bestimmt erfüllt mit Wehmut. Vollkommen zu Recht.

Mit Bischof Manfred, den der vatikanische Ratschluss nach Linz versetzt, verliert die Diözese Innsbruck einen Mann, der in den zwölf Jahren seiner Amtszeit etwas geleistet hat, was ihm, dem anfangs großen Unbekannten, kaum jemand zugetraut hätte. Vielleicht nicht einmal er sich selbst. Man kann, wenn man in diesem System denkt, gläubig zusammenfassen, dass auf Manfred Scheuers Wirken in Tirol wohl ein göttlicher Segen gelegen sei. Man kann es aber auch gesellschaftspolitisch analysieren und zu dem Schluss kommen: Der 60-jährige gebürtige Oberösterreicher hat die katholische Kirche in diesem Land, das entgegen hartnäckiger Gerüchte auch nicht heiliger ist als andere, dort positioniert, wo sie gern wäre, aber schon lange nicht mehr selbstverständlich verortet ist: in der Mitte der Gesellschaft.

Das heißt, Religiosität und eine Beziehung zur Kirche eben nicht den Zumutungen der Welt zu entrücken, sondern immer und immer wieder dorthin zu gehen, wo es wehtut, immer und immer wieder emotional, intellektuell und faktisch zu hinterfragen, wo das System Kirche steht, was ein auf Jesus Christus bezogenes Weltbild im Guten wie im Schlechten mit der uns umgebenden Wirklichkeit zu tun hat. Diese ist bekanntlich komplex. Der moralische und ethische Grund, auf dem wir stehen, erweist sich als in vielerlei Hinsicht heftiger schwankend und vor allem resistenter gegen apodiktische Antworten, als

Meinung

einem denkenden Menschen lieb sein kann. Bischof Manfred hat sich gesellschaftspolitischen Systemfragen ebenso gestellt wie den Verwerfungen, die der Kirche immanent sind. Er war nie laut, aber immer deutlich, nie eindimensional oder simpel, aber immer klar. Ausgestattet mit einer immensen, keineswegs nur theologischen Bildung, die es ihm erlaubt, in ein und derselben Predigt den Liedermacher Ludwig Hirsch und den alttestamentarischen Propheten Hosea zu zitieren und bei beidem authentisch zu wirken. Und nicht zuletzt ist Manfred Scheuers Persönlichkeit geprägt von größter Bescheidenheit und Zurückhaltung. Er hatte das Bischofsamt nicht angestrebt und es sich selbst, oft genug um den Preis persönlicher Erschöpfung, nie einfach gemacht. Und er hat, vollkommen unbegabt für die große populistische Geste, den Tirolerinnen und Tirolern zugemutet, genau hinzuhören, wenn er gesprochen hat. Achtzugeben. Mitzudenken. Widerspruch auszuhalten.

Das hatte einerseits zur Folge, dass die kirchentreuen Frommen, sofern nicht hoffnungslos reaktionär verbohrt, gut mit ihm konnten. Den weniger oder gar nicht Frommen andererseits, sofern der Kirche als gesellschaftlichem Faktor gegenüber nicht hoffnungslos feindlich eingestellt, bot Bischof Manfred eine Chance, sich intellektuell auszutauschen, sich an ihm zu reiben, eigene wohlfeile Positionen zu hinterfragen. Nicht umsonst kam in seinen Ansprachen und Predigten oft das Wort „Versöhnung“ vor.

Das alles war spannend und wichtig, für viele Menschen auf einer ganz persönlichen Ebene, aber auch für die eher kümmerlich ausgeprägte geistige Kultur in diesem Land. Darüber hinaus ist im Laufe von Scheuers Tiroler Jahren aber noch etwas ganz anderes, Erstaunliches passiert: Manfred Scheuer, der große Liebhaber der Tiroler Berge, hat auch die Menschen ins Herz geschlossen. Und sie ihn. Seine letzte Predigt, an diesem 10. Jänner im Dom zu St. Jakob, beendete Bischof Manfred mit den Worten: „Ich sage ein großes Vergelt’s Gott. Und: Ich werde euch vermissen!“ Das Land Tirol ihn auch.