Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:05 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Es geht für Europa um alles

Von Irene Heisz | Tote Libanesen und tote Russen sind nicht weniger beklagenswert als tote Europäer. Aber sich auf die emotionale Ebene des allgemein Menschlichen zurückzuziehen, ist zu wenig. Und falsch.

Zu den Waffen, Bürger,/ Formt eure Truppen,/ Marschieren wir, marschieren wir!/ Bis unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt!

Das ist kein Kampflied des sogenannten Islamischen Staates (mit Musik haben’s die bekanntlich grundsätzlich nicht so). Sondern der Refrain der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, die seit Tagen weltweit immer wieder angestimmt wird, von der Metropolitan Opera in New York (hier zu finden) bis hin zum Wembley Stadion in London (hier zu finden). Ob alle, die ihrem eigentlich unsagbaren Entsetzen, ihrer Trauer und ihrer lähmenden persönlichen Hilflosigkeit angesichts des islamistischen Terrors auf diese Weise doch Ausdruck zu geben versuchen, wissen, was sie da singen?

Emotional, psychologisch, wenn man so will, ist es nur allzu verständlich und richtig, dass Millionen Menschen auch in New York und London, in Sidney und Innsbruck öffentlich ihr Mitgefühl mit den Opfern von Paris zeigen wollen. Auch dass Wahrzeichen und andere markante Gebäude sowie Facebook-Fotos weltweit mit den Farben der Trikolore unterlegt bzw. angestrahlt werden, ist als ad hoc entstandenes Zeichen der Verbundenheit und Sympathie mit einem schwerst getroffenen Land kaum zu kritisieren. Nicht alle Versuche glücken, manche sind das Gegenteil von gut, nämlich nur gut gemeint. Doch in so düster bewegten Zeiten sollte man vielleicht nicht jedes hilflos gestammelte Wort auf die Goldwaage legen.

Wir sollten uns allerdings dazu zwingen, möglichst schnell einen Schritt aus der uns alle überwältigenden Emotion herauszutreten und die Dinge rational zu betrachten — genau das ist doch eine der Errungenschaften, die wir behaupten oder wenigstens hoffen, zu allem bereiten Irren, die im Namen eines offenbar tyrannischen Gottes Massenmorde begehen, voraus zu haben.

Wenn ich also versuche, mein eigenes Entsetzen und meine ohnmächtige Wut beiseite zu legen, entwickeln sich in mir folgende Gedanken:

Die Fragen, die u.a. Kollegin Nikoletta Zambelis in ihrer aktuellen Zauberspiegel-Kolumne (hier zu finden) stellt, lassen sich ohne Heuchelei und Sarkasmus eindeutig negativ beantworten. Nein, selbstverständlich sind tote Libanesen in Beirut und tote Russen in einem Ferienflieger nicht einen Hauch weniger beklagenswert als tote Europäer in Paris. Aber auch: Nein, es gibt über die allgemeine Menschlichkeit hinaus keinen Grund für uns, wegen dieser beiden Attentate Solidaritätskundgebungen abzuhalten und

Meinung

Gebäude einzufärben.

Das IS-Attentat im Bürgerkriegsland Libanon fand in einem Beiruter Stadtviertel statt, das als Hisbollah-Hochburg gilt. Die schiitische Hisbollah-Terrormiliz und die IS-Terroristen liefern einander seit Jahren eine tödliche Schlacht nach der anderen. Es mag mir nicht gelingen, mich politisch mit den einen gegen die anderen zu solidarisieren.

Nur in Nuancen anders verhält es sich mit Russland als einem Staat, von dem reichlich unklar ist, ob sich dessen militärische Aktionen denn nun tatsächlich ausschließlich gegen den IS oder vielleicht doch auch gegen jene Rebellen richten, die verzweifelt gegen Russlands Verbündeten, den syrischen Tyrannen Baschar al-Assad, kämpfen. Von der aktuellen russischen Interpretation von Menschen- und Völkerrechten ganz zu schweigen.

Terroristen, die ein Flugzeug voller Urlauber sprengen (so es denn tatsächlich so war), verabscheue ich. Wer bei halbwegs intaktem Verstand würde das denn nicht? Aber es mag mir nicht gelingen, mich politisch mit Russland solidarisch zu fühlen oder dieses Attentat als Angriff auf jene Werte zu betrachten, die Europa konstituieren.

In Paris aber ging es, wie schon im Jänner beim Blutbad in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, auch am 13. November um eben diese Werte: Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit (gegenüber fanatisch reaktionären Muslimen ist zu präzisieren: „Brüderlichkeit“ bedeutet „Geschwisterlichkeit“). Und es geht um eine säkulare, demokratische Gesellschaft, in der sogar religiöse Fanatiker nach ihrer Façon glücklich werden dürfen, solange das nicht beinhaltet, anderen Menschen Vorschriften zu machen oder sie gar zu ermorden.

Die Attentate von Paris, vollkommen willkürlich gegen unschuldige Menschen jeder Religion, politischen Gesinnung und Hautfarbe gerichtet, zeigen in aller Schärfe: Es geht für Europa um nicht weniger als um alles. Alles, was uns ausmacht. Alles, worum wir — mit schrecklichen Rückschlägen im 20. Jahrhundert — seit mehr als 200 Jahren ringen. Und alles, woran wir unsere intellektuelle Orientierung immer wieder neu ausrichten müssen. Liberté. Egalité. Fraternité. Noch viel entsetzter als über die Attentate der Todfeinde unserer Werte bin ich deshalb über die konfuse Unentschlossenheit und Halbherzigkeit, mit der die politische Führung der demokratischen Welt dem grausigen Treiben des IS viel zu lange zugeschaut hat.