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punktierte Linie

Das letzte Büschel Innsbrucker Gras

Von Irene Heisz | Woran Innsbruck objektiv nicht leidet, ist ein Mangel an Grün. Macht aber nichts, man kann trotzdem tapfer gegen einen gar nicht geplanten Baummord kämpfen..

Das Schöne an unserer Demokratie ist, dass sich jeder aussuchen kann, wofür oder wogegen er kämpft. Unabhängig von der substanziellen Dichte des Themas, unabhängig von dessen gesellschaftlicher Relevanz, ja sogar unabhängig vom faktischen Gehalt der Thesen, die man sich auf die Fahnen heftet. Jeder Mensch braucht eine Überzeugung und ein Hobby, irgendeinen Baum, im vorliegenden Fall eine alte Rotbuche, an dem er sich und sein staatsbürgerliches Empörungspotenzial reiben kann. Und mit ein bisschen Glück schafft er es damit sogar in die lokale Presse.

Die Innsbrucker Gastronomin Helga Dengg und weder namentlich genannte noch zahlenmäßig definierte Gleichgesinnte zum Beispiel betätigen sich laut Tiroler Tageszeitung neuerdings als Baumschützer (hier zu finden). Es geht um das Haus der Musik, das ab 2018 diverseste musikalische Kräfte in der Stadt bündeln und zum saftigen Filetstück eines neuen Kulturquartiers neben der Altstadt werden soll, oder eigentlich nicht um dieses hoch ambitionierte kulturpolitische Projekt, sondern um eine Rotbuche und eine Stieleiche, zwei Naturdenkmäler, die auf dem Platz neben den jetzigen Stadtsälen stehen. Frau Dengg wird in der Tiroler Tageszeitung mit dem Satz zitiert: „Die Bäume überleben die Bauarbeiten nicht, auch wenn uns was anderes versprochen wird.“ Ob diese Einschätzung im Mondkalender steht oder vielleicht doch auf irgendeiner forstlichen Grundlage basiert? Man weiß es nicht.

Derjenige, der „was anderes“ verspricht, ist jedenfalls der zuständige Stadtrat Gerhard Fritz, ein in der Wolle gefärbter Grüner übrigens, also an sich nicht der geborene Baummörder. Er verweist auf zentimetergenaue Planungen für die Grabungsarbeiten, die den Wurzeln der wertvollen Bäume nicht zu nahe kommen dürfen, auf die „ökologische Bauaufsicht“ durch Fachleute im städtischen Gartenamt und auf Strafzahlungen, sollte die Wirklichkeit die schöne Planung doch über den Haufen werfen und der eine oder andere

Meinung

Baum Schaden nehmen. Dagegen ist vorerst nicht viel Vernünftiges einzuwenden, noch ist ja nicht einmal ein einziger kleiner Bagger aufgefahren. Aber wer lässt sich schon von Vernunft-Argumenten beeindrucken, wenn es um das höhere Ziel geht, die Stadt vor einem bösen Urbanisierungsschub zu bewahren?

Damit aber niemand der Baumrettungs-Initiative vorwerfen kann, sie kümmere sich nur um die großen Themen und verliere die Kleinigkeiten aus den Augen, kommt es noch viel besser mit dem denkwürdigen Satz: „Wir kämpfen um das letzte Grasbüschel der Stadt.“

Oha. Gut, ich war jetzt zufällig ein paar Tage nicht in Innsbruck und habe möglicherweise diese alarmierende aktuelle Entwicklung in meiner geliebten Heimatstadt verschlafen. Deshalb wollte ich mich unverzüglich auf eine Fact-Finding-Mission begeben und die letzten Innsbrucker Grasbüschel zählen gehen… Aber dann war’s mir doch zu heiß. Und wozu gibt es das Internet.

Laut Jahresbericht 2014 umsorgen die Gärtner des Amtes für Grünanlagen aktuell gewissenhaft gezählte 25.000 Bäume jeden Alters, 769.000 Quadratmeter öffentliche Grünflächen sowie 170.000 Quadratmeter so genannte Verkehrsgrünflächen im Stadtgebiet (und außerdem sämtliche Gärten bei städtischen Schulen, städtischen Wohnanlagen etc.).

Ich kann es nicht mit letzter Sicherheit sagen — wie gesagt, ich war zu faul für eine Vorort-Recherche —, aber ich behaupte jetzt einfach einmal kühn: Auf fast 100 Hektar Grünflächen wird sich mit ein bisschen gutem Willen das eine oder andere öffentlich zugängliche Büschel Gras finden lassen. War da noch was? Nein, nein, nichts Wesentliches. Nur in unmittelbarer Nachbarschaft des künftigen Kulturquartiers der Hofgarten. Für den allerdings sind von Amts wegen nicht die Stadtgärtner und die Innsbrucker Statistik, sondern die Bundesgärtner zuständig. Die paar elenden Grasbüschel dort zählen also wirklich nicht.