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punktierte Linie

Bilderberg aus Optimistensicht

Von Irene Heisz | Nennen Sie mich ruhig naiv: Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass etwas Sinnvolles dabei herauskommt, wenn Konzernmanager und Politiker zwanglos im Pool des Interalpen plantschen.

Würde ich, beachten Sie bitte den Konjunktiv II vulgo Irrealis!, Frau Merkel, Herrn Obama oder auch einem der Bilderberger aus irgendeinem Grund nach dem Leben trachten, würde ich, strategisch gestählt durch jahrzehntelangen Konsum diverser Hollywood-Action-Schinken, natürlich nicht erst dieser Tage versuchen, mit meinem unauffälligen Mittelklasse-Pkw und meinem unauffälligen Mittelklassegesicht ungefähr 150 Polizeikontrollen und gesperrte Grenzen zu passieren, um vor Ort dann eine Pumpgun aus dem Handschuhfach zu ziehen. Ich würde auch nicht, weil das Wetter gerade passte und ich eh nichts Besseres vorhätte, heute spontan beschließen, das Ultraleichtflugzeug, das in meinem Carport stünde, mit ein paar Kilo Sprengstoff zu beladen und einmal schnell übers Inntal nach Buchen zu hüpfen. Ich hätte das Ganze logischerweise seit Monaten minutiös geplant.

Heißt im Klartext und im energischen Indikativ: Diese riesige Sicherheitsshow nervt. Der ganz große, uniform-blaue Budenzauber, der da anlässlich des G7-Gipfels in Elmau und der Bilderberg-Konferenz in Buchen über Tirol hereingebrochen ist, erfüllt den Tatbestand einer größenwahnsinnig teuren, gleichzeitig lächerlichen Volksverhöhnung. Und beschert den diversen Chefitäten diverser Polizeikräfte ganz sicher ein paar sehr saftige Träume. Dieser Planungsaufwand! Diese Manpower!! Diese ungeheure Logistik!!! Ist das geil oder ist das geil?!

Aber. Abgesehen von allem, was dagegen einzuwenden ist und zu Recht eingewendet wird – u.a. von meiner Kollegin Nikoletta Zambelis in ihrer aktuellen Zauberspiegel-Episode (hier zu finden) -, ist es gut und richtig, dass sich die Lenker und die Lenkerin der mächtigsten Länder der Erde regelmäßig treffen. Meinetwegen auch in der aus Teilnehmersicht exotischen Kulisse bayerischer Alpenseligkeit, weil ja bekanntlich beim Reden die Leut’ zammkommen.

Und ich vermag auch an den jährlichen Bilderberg-Konferenzen nichts prinzipiell Schlechtes zu sehen. Mir fehlen dafür vermutlich schlicht das Talent und die Lust, mich an gruseligen Verschwörungstheorien zu ergötzen. Nur weil jemand paranoid ist, heißt das bekanntlich noch

Meinung

lange nicht, dass er nicht wirklich verfolgt wird. Doch wir leben in Zeiten, in denen jeder nur ungenügend unterdrückte Rülpser eines Konzern-Vorsitzenden zu Aktien-Schleuderkursen an den Börsen führt. In denen jeder Halbsatz eines Politikers endlose, zigtausendfach reproduzierte Interpretationen, Kommentare, Verspottungen usw. nach sich zieht. In denen von jedem und von jeder auf Knopfdruck eine sinnvolle, gescheite, wohldurchdachte und fachlich fundierte Meinung zu allem und jedem erwartet wird. Und in denen die unlösbaren Verstrickungen zwischen der globalen Wirtschaft und der Politik mein tägliches Leben genauso unmittelbar beeinflussen wie das eines IT-Spezialisten in Finnland und das eines Minenarbeiters in Südafrika.

Gerade deshalb halte ich es für keineswegs verwerflich, wenn sich Angehörige der wirtschaftlichen und politischen Elite regelmäßig in einem geschützten, heißt: von der Öffentlichkeit abgeschirmten Rahmen begegnen, sich zwanglos austauschen, in der Badehose im wohlig warmen Außenpool des Interalpen Hotels unterschiedliche Meinungen über und Perspektiven auf Gott und die Welt diskutieren — und sich absolut sicher sein können, dass nichts davon den selbstgewählten vertraulichen Rahmen verlässt. Es ist, zumindest für unheilbare Optimistinnen wie mich, nicht kategorisch auszuschließen, dass dabei mitunter sogar wenn nicht eine Änderung, so doch zumindest eine Erweiterung der Meinungen über und der Perspektiven auf Gott und die Welt herauskommt. Soll den Mächtigen dieser Welt nichts Schlimmeres passieren. Und uns auch nicht.

Denn mit der viel beschworenen, ständig geforderten, ach so wohlfeilen Transparenz ist das so eine Sache: Totale Durchsichtigkeit ist nur ein anderes Wort für Fadenscheinigkeit und nichts als eine Illusion. Hinter dem Schleier ist noch einer. Und dahinter wieder einer. Was wäre anders, wenn die Bilderberger ihre Debatten live im Internet übertrügen? Nichts, außer dass sie dann eben auch dort nur noch auf Hochglanz polierte und auf Öffentlichkeitswirksamkeit getrimmte Statements absonderten. Und natürlich, dass wir Menschen in Badehose sehen würden, die wir so wirklich nie sehen wollten.