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punktierte Linie

Sex and
the Schule

Von Irene Heisz | Konservative und katholische Kreise laufen Sturm gegen den neuen Entwurf des Unterrichtsministeriums zur Sexualerziehung an Schulen. Herzlich willkommen allerseits im 21. Jahrhundert!

Wär’s nicht so lächerlich, müsste man herzhaft darüber lachen: Eine Unterrichtsministerin braucht den Begriff „Sexualerziehung an der Schule“ nur halblaut vor sich hin zu murmeln, und schon wird das Land in die Fünfzigerjahre des vorigen Jahrhunderts zurückgebeamt. Auf der Stelle kriechen sie wieder aus ihren Löchern, die Bedenkenträger, dass österreichische Kinder und Jugendliche künftig zu einer jährlichen Wallfahrt nach Sodom und Gomorrha gezwungen werden.

Nach Lektüre des Entwurfs einer Erneuerung des 25 Jahre alten Grundsatzerlasses zur Sexualerziehung (hier zu finden) kann ich Ihnen versichern: Nichts davon steht auch nur ansatzweise drin. Stattdessen ist da viel die Rede von Verantwortung, Selbstbestimmung, Hinführung zu einem positiven Selbst- und Fremdbild, einem wertschätzendem Umgang mit dem eigenen Körper und dem potenzieller Sexualpartnerinnen und -partner, Respekt gegenüber Menschen, die eine andere sexuelle Orientierung haben als man selbst… Ich vermag in diesen Gemeinplätzen beim schlechtesten Willen nichts Verkehrtes zu sehen. Und auch nichts, was die Schule nichts anginge, womit Schulunterricht seine Kompetenzen überschritte oder in elterliche Kompetenzen unzulässig eingriffe.

Um zu diesem Urteil zu gelangen, sind freilich ein paar gedankliche Grundvoraussetzungen nötig: Können wir uns also bitte darauf einigen, dass 1. Masturbation nicht zu Rückenmarkserweichung oder Blindheit führt. Dass 2. sexuelle Orientierung weder ansteckend noch per se irgendwie schuldhaft noch krankhaft ist, dass es also vorkommen kann und okay ist, wenn — um mit Österreichs führendem Experten für Geschlechterfragen, Andreas Gabalier, zu sprechen — ein Manderl auf ein Manderl und ein Weiberl auf ein Weiberl steht.

Dass es 3. ganz unabhängig von religiöser Orientierung fahrlässig wäre, die Aufklärung und das Bild von Partnerschaften, die diesen Namen verdienen, youporn und Co. zu überlassen. Dass sich 4. unübersehbar immer noch viele Mamas und Papas schwer damit tun, sachlich korrekt, unbefangen und jeweils altersgerecht die Fragen ihrer Sprösslinge zu beantworten. Und dass es 5. eher absurd wäre, zum Installateur zu gehen, wenn man kochen lernen will, die katholische Kirche mit ihrer so rigiden wie durch und durch gescheiterten Sexualmoral also eher nicht der erste Ansprechpartner in dieser Frage ist.

Schon klar: Religionen, die monotheistischen zumal, haben einen aus machtstrategischen Gründen allzu verständlichen, aber unseligen Hang dazu, den Menschen ans Eingemachte zu gehen, ihre Sexualität und ihre sexuellen Aktivitäten zu kontrollieren, zu reglementieren, Verstöße gegen die jeweils geltenden Regeln streng zu ahnden. Der Hintergrund ist offensichtlich: Keine Macht der Welt und auch keine göttliche Macht ist stärker als der menschliche Sexualtrieb. Der hat bekanntlich zunächst den ganz banalen biologischen Zweck, für den Fortbestand der Spezies zu sorgen. Darüber hinaus allerdings hat Gott/Allah/NN/die Natur (suchen Sie sich das für Sie Passende aus!) den Menschen den Bonus höchster, existenzieller Lust an Sex in all seinen wunderbaren Spielarten mitgegeben. Das ist letztlich unkontrollierbar, also manchen Religionen zutiefst unheimlich. Die Inder, nebenbei bemerkt, mit ihrem Tantra-Getue sind da schlauer. Die haben zumindest in der Theorie spirituelle und sexuelle Erfüllung sicherheitshalber zu einem komplexen (und komplizierten) Ganzen verwoben. In der Praxis grausiger Massenvergewaltigungen indes glaube ich eher nicht, dass Indien ein erotisch-spirituelles Paradies ist.

Aber bleiben wir beim Christentum, namentlich beim Katholizismus.

Meinung

Es mag viele verschiedene Gründe dafür geben, dass (katholische und sonstige) Ehen zerbrechen. Dass beide Partner ein positives und kenntnisreiches Verhältnis zu ihrer eigenen Sexualität und der des anderen haben, dass sie womöglich sogar offen und vertrauensvoll miteinander darüber reden können, was sie wollen und brauchen und was nicht, dürfte eher selten auf dieser Liste stehen. Sexualaufklärung verhindert keine katholische Ehe. Aber es ist unter Garantie jeder Partnerschaft förderlich, wenn die Partner ein sexuell aufgeklärtes Verhältnis zu sich selbst und zu einander pflegen. Und es schadet auch einem katholischen Ehemann nicht, zu wissen, was und wo die Klitoris ist.

In jeder zivilisierten Gesellschaft wird Sexualität auch auf der sozionormativen Ebene verhandelt. Und da, wo Religion ins Spiel kommt, also im Grunde auch in jeder Gesellschaft, kommt offenbar unweigerlich auch ein moralisches Moment ins Spiel. Eine gründliche, offene Sexualaufklärung mit dem Kollateralnutzen, junge Leute zu selbstbestimmten, unverklemmten Menschen zu erziehen, die sich und andere in ihrer Eigenart respektieren, ist aber ein Wert an sich — zu behaupten, der Entwurf des Ministerium sei „wertlos“, wie es diverse katholische bzw. der Kirche nahestehende Einrichtungen empört hyperventilierend tun, ist eine Unverschämtheit.

Die angebliche Wertlosigkeit besteht einzig und allein darin, dass der Entwurf die Monopolisierung des katholischen Imperativs in Sachen Partnerschaften, Ehe und Familie verweigert. Dieser Imperativ hat zwar im wirklichen Leben nie funktioniert und wird nie funktionieren, denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit (diesen von Friedrich Nietzsche formulierten Anspruch immerhin haben die katholische Kirche und das menschliche Sexualverhalten gemeinsam). Das hindert einschlägige Kreise jedoch nicht daran, das Primat des Katholischen weiterhin mit regelrecht panischer Vehemenz zu fordern.

Es bleibt Eltern selbstverständlich unbenommen, ihren Kindern die Werte, Vorschriften und Traditionen ihrer jeweils eigenen Religion vorzuleben und nahezulegen. Sollen sie, es ist ihr gutes Recht. Wichtige Einschränkung: Aber nur, sofern damit nicht die Menschenrechte der Kinder, vor allem der weiblichen!, verletzt werden. Und kategorisch abzulehnen ist der Versuch, den Staat dazu zu zwingen, religiöse Vorschriften einzuhalten und zu lehren. Die Welt ist nicht so, wie Fundamentalisten aller Konfessionen sie gern hätten. Man ist dringend versucht hinzuzufügen: Gott sei Dank!

Um es an einem ganz konkreten Beispiel zu erklären: Es ist mir von Herzen egal und geht mich nicht das Geringste an, ob der Biologielehrer meines Sohnes privat ein konservativer Katholik, ein Hardcore-Moslem, ein orthodoxer Jude, ein wiedergeborener Evangelikaler oder ein Anhänger des Fliegenden Spaghettimonsters ist. Und ebenso wenig hat mich zu interessieren, ob, in welcher Weise und mit wem er seine sexuellen Bedürfnisse auslebt. Ich finde es außerdem gut und richtig, dass der Herr Professor kraft natürlicher Autorität oder einschlägiger Fortbildung in der Lage ist, eine Horde verlegen kichernder Pubertierender zu ertragen, wenn er ihnen die Dinge des Lebens erklärt. Aber es würde mich unverzüglich auf alle verfügbaren Barrikaden treiben, wenn er versuchte, seinen Schülerinnen und Schülern die moralische Überlegenheit der Knaus-Ogino-Methode einzureden. Oder die gesundheitliche Bedenklichkeit von Masturbation. Oder die Notwendigkeit einer Klitorisbeschneidung. Oder dass Homosexualität abzulehnen, wenn nicht gar eine durch Beten oder Gefängnisstrafen heilbare Krankheit sei. Oder was sonst noch alles an irrsinnigen Ideen durch die Welt religiöser Fanatiker geistert.