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Das Wissen von
der Welt

Von Irene Heisz | Das Zentrale an der Zentralmatura ist die Vergleichbarkeit von Schüler- und Lehrerleistungen. Aber was muss der 18-jährige Mensch heute wissen, um als „reif“ zu gelten?

Schon immer war ich eine Anhängerin der These, dass der Mensch sein Leben lang etwas Neues lernen könne. Und solle. Ich will Ihnen deshalb die freudige Kunde nicht vorenthalten, dass ich gerade vorhin beim Durchschauen der Deutsch-Aufgaben der ersten Zentralmatura etwas gelernt habe. Schon wieder. Nämlich den Begriff „Meinungsrede“. In meiner Naivität dachte ich ja bisher, dass jede Rede die Äußerung von — argumentativ mehr oder minder schlüssig untermauerter — Meinung sei, eine „Meinungsrede“ daher nichts anderes als ein weißer Schimmel (für die Maturantinnen unter uns: ein Pleonasmus). Aber: Danke Bifie (hier zu finden), you made my day (und das wiederum, liebe junge Freundinnen und Freunde, können Sie gern als bescheidene Hilfestellung für die dräuende Englisch-Matura betrachten)!

Dies jedoch nur nebenbei, als lockerer, episodenhafter Einstieg in die Textsorte „Meinungselement“ (das gibt’s wirklich) zum Thema Zentralmatura. Anlässlich der ersten regulären und flächendeckenden Anwendung zentral (statt von jeder einzelnen Lehrperson) erstellter Maturaaufgaben wurden noch einmal auf breiter Medienfront sämtliche Vor- und Nachteile diskutiert und alle Pannen auf dem langen Weg bis hierher nacherzählt. Es war nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Selbstverständlich wird auch in den kommenden Jahren noch an allen möglichen Stellschrauben gedreht werden müssen, bis das Ganze strukturell stabil wird. Geschenkt! Aber worum geht es eigentlich bei der Zentralmatura im Besonderen und bei einer Matura allgemein?

Das Zentrale an der Zentralmatura ist die Vergleichbarkeit von Leistungen. Das ist eine gute und richtige Idee. Wer mit einem AHS-Maturazeugnis eine Universität ansteuert, sollte im Wesentlichen dieselben Kenntnisse und Fähigkeiten haben, egal ob er aus Imst, Villach oder Eisenstadt kommt. In einem idealen Land aber machen standardisierte Maturafragen eher früher als später nicht nur die Leistungen von Schülerinnen und Schülern vergleichbar, also objektiv einschätzbar, sondern auch die Qualitäten von Lehrerinnen und Lehrern. Der oberste AHS-Lehrergewerkschafter Eberhard Quin kann das gern weiter energisch leugnen, wahr bleibt es trotzdem. Und dezidiert wünschenswert auch — zunächst im Interesse der zu unterrichtenden Kinder, nicht zuletzt aber auch im Interesse der engagierten, fachlich guten und menschlich gutwilligen Lehrpersonen, die zu Recht unter dem insgesamt schlechten Image ihres Berufsstandes leiden.

Sinnvoll wird die Evaluierung von Lehrerleistungen allerdings erst dann, wenn endlich den Direktorinnen und Direktoren prononcierte Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, gute Lehrerleistungen zu belohnen und schlechte zu sanktionieren. Buchstäblich jeder einzelne Mensch, der das österreichische Schulsystem genossen hat und gegebenenfalls als Elternteil ein weiteres Mal hautnah erlebt, kennt Lehrerinnen und Lehrer, denen er viel verdankt. Und jeder kennt welche, die niemals auf Kinder und Jugendliche losgelassen werden dürften, aber dennoch 30, 40 Jahre lang sanktionsfrei Schüler quälen.

Keine Frage, die Zahl der guten Lehrer merklich zu

Meinung

erhöhen und die Zahl der schlechten auf ein unvermeidliches Mindestmaß zu reduzieren, ist langwierig, kompliziert und erfordert wiederum einen gut durchdachten Kriterienkatalog. Wir leben nun einmal im Land der Freunderlwirtschaft, zu viel hängt in zu vielen Lebensbereichen davon ab, wer wen kennt (oder wenigstens den Schwager der Schwester von jemandem kennt), wer mit wem gut ist und gut kann. Aber man muss sich wenigstens wünschen und als Maximalforderung formulieren dürfen, dass zum Beispiel die Rolle persönlicher Sympathien oder Antipathien zwischen Schulleitung und einzelnen Mitgliedern des Kollegiums möglichst klein gehalten wird.

Die auf einer allgemeinen Ebene allerdings noch viel interessantere Frage ist: Was und wie viel muss ein 18-jähriger österreichischer Mensch im Jahr 2015 eigentlich können und wissen, damit er zu Recht für „reif“ oder wenigstens „hochschulreif“ erklärt werden kann? Wie definiert sich — und wer definiert — Allgemeinbildung heute? Wie viel Wissen von der Welt, wie viel enzyklopädisches Wissen muss jemand unabhängig von persönlichen Neigungen und Interessen haben, der dieser Tage über seinen schriftlichen Maturaarbeiten schwitzt?

Noch vor 50 Jahren, wahrscheinlich auch noch vor 30 Jahren, ungefähr zur Zeit meiner eigenen AHS-Matura, war das vergleichsweise einfach, und zwar nicht notwendigerweise, weil es insgesamt tatsächlich so viel weniger über die Welt zu wissen gegeben hätte als heute, aber weil dieses Wissen nur mittels vergleichsweise überschaubarer Kanäle verfügbar war. Nicht umsonst freilich datieren die ersten Versuche zu berechnen, wie schnell das Weltwissen wächst, in die Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts, also in die internetlose, aber doch schon deutlich massenmedial geprägte Steinzeit. Aktuelle Schätzungen besagen, dass sich das Weltwissen mittlerweile bereits alle fünf bis zwölf Jahre verdoppelt und sich dieser Zyklus weiter verkürzen wird.

Nun ist das Feld der Informetrie, der Wissenschaft vom Vermessen von Informationen, zwar philosophisch heiß umstritten, u.a. wegen der Unmöglichkeit, quantitativen Messungen auch eine qualitative Komponente zu geben. Und diese Schätzungen beziehen sich ausschließlich auf naturwissenschaftlich-technisches Wissen; der gesamte künstlerisch-musische Bereich bleibt ausgeklammert. Trotzdem ist nicht zu leugnen: Kanonisierungsversuche, egal ob in der Literatur oder in der Neurologie, sind heute im Grunde genommen von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Was also die Kinder auf dem Weg zum Maturanten, zur Maturantin lehren? Grundlagen aller Art, ja klar! Aber darüber hinaus und — völlig egal, in welchem Fach! — vor allem die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, herzustellen, zu benennen. Selbstständig, kritisch, logisch und diskursiv zu denken. Mit leidenschaftlicher Neugier in die schier unendliche und ständig weiter wachsende Zahl von Quellen des Wissens einzutauchen und sie zu nützen. Nie die unbändige Lust am Lernen zu verlieren. Nie zu (denk-)faul zu sein, Fragen zu stellen. Und sei es vielleicht auch nur, um Wörter wie „Meinungsrede“ als den aufgeblasenen Unsinn zu entlarven, der sie sind.