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Mit mir stimmt etwas nicht

Von Irene Heisz | In der aktuellen Ausgabe ihrer Kolumne „Heisz serviert“ erzählt Irene Heisz, warum sie es für verkraftbar hält, sich wegen ihrer Mutterschaft keine neuen Skischuhe leisten zu können.

Gut, 23 Teilnehmerinnen einer wissenschaftlichen Studie sind jetzt nicht gerade eine erdrückende Zahl. Aber glücklicherweise gibt’s Twitter, diese Medusa unseres Kommunikationszeitalters. So wird aus einer an sich unbedeutenden kleinen Studie einer bis dato unbedeutenden Soziologin binnen Tagen ein monströs aufgeblasenes Etwas, über das dann auch konventionelle Medien hingebungsvoll berichten. Ist ja auch sonst gerade nichts los.

Worum geht’s? Um „Regretting Motherhood“ („Mutterschaft bereuen“), mit und ohne Hashtag. 23 israelische Mütter jeden Alters haben in Tiefeninterviews mit Orna Donath dargelegt, wieso sie zwar ihre Kinder lieben, sich mit dem Wissen, das sie heute haben, aber nicht mehr für die Mutterschaft entscheiden würden. So weit, so — ja, was eigentlich? Gut? Nein. Aber es soll vorkommen, dass Frauen Mütter werden, die im Interesse aller Beteiligten besser darauf verzichtet hätten, ihren Anteil zum Fortbestand des Menschengeschlechts beizutragen. Und es ist muss auch in Ordnung sein, darüber zu reden. Allerdings ist das 1. nicht zu verallgemeinern. Und 2. bereitet mir dieser Tsunami an narzisstischem Selbstmitleid und pseudoreflektierter Wehleidigkeit, mit dem ich nun konfrontiert werde, ein stetig wachsendes Unbehagen.

Zugegeben: Ich bin eine durch und durch privilegierte Frau. Nein, mein Haushalt wird nicht von aparten Bediensteten geschupft. Und ich hatte auch keine Nanny, die mein Büblein morgens und abends geschnäuzt und gekampelt vorführte, auf dass ich ihm huldvoll das Köpfchen tätscheln und ansonsten meiner Wege gehen konnte.

Aber ich wurde nicht mit 17, 18 Jahren an irgendeinen Kerl verschachert, dem ich einen Stammhalter und möglichst viele weitere Kinder (also Arbeitskräfte und lebende Beweise seiner sozialen und sonstigen Potenz) gebären musste, bis ich entweder im Kindbett sterben oder mit Einsetzen der Wechseljahre eine uralte Gebärmaschine außer Dienst sein würde. Ich muss meinen Sohn nicht allein großziehen, ich habe einen Mann, der Freuden, Sorgen, die Last der Familienarbeit und unsere finanzielle Versorgung mit mir teilt.

Ich muss keine Angst haben, dass mein Kind verhungert oder verdurstet oder an irgendeiner Kinderkrankheit stirbt, weil wir in einem Land leben, in dem es ärztliche Versorgung gar nicht oder nur für Reiche gibt. Wir leben nicht im Krieg, wir müssen vor nichts fliehen. Und unser Sohn wächst in einer Umgebung auf, in der er jegliche Art von Bildung genießen kann, die er will (oder die wir als seine Eltern für nötig erachten).

Deshalb halte ich es für Zeitverschwendung, mich selbst dafür zu bemitleiden, dass sich unsere Reisen für einige Kleinkinderjahre auf einen Umkreis von wenigen hundert Kilometern beschränkten. Deshalb fehlt mir jegliches Verständnis für mich selbst, wenn ich mich dabei ertappe, mich genervt zu fühlen, weil ich immer noch meine museumsreifen Skischuhe verwende, während die Füße des Kindes die unbegreifliche Eigenschaft haben, Saison für Saison aus den alten Schuhen herauszuwachsen. Und deshalb halte ich es für verkraftbar, hin und wieder einmal auf meinen Zumba-Kurs zu verzichten, weil das Kind allein an seinen Lateinvokabeln verzweifelen würde.

Natürlich gab und gibt es sie, diese Tage, an denen ich mich frage, wo eigentlich ich bleibe. An denen mich die Verantwortung für die Familie und die

Meinung

Unmöglichkeit, mein Kind vor der bösen Welt zu bewahren, schier niederdrücken. Tage, an denen ich gern young, free and single wäre, weil ich mich müde und überfordert fühle von all dem, was mich heute definiert: Mutterschaft, Ehe, Beruf, Haushalt (oder auch umgekehrt, die Reihenfolge impliziert keine Wertung). Aber das sind eben Funktionen, die ich, so gut es mir möglich ist, erfülle. Und keine Rollen, die ich widerwillig spiele.

Ich rede selbstverständlich keineswegs einem katholisch verbrämten Fünfzigerjahre-Familienbild das Wort. Ich behaupte auch entschieden nicht, dass es immer einfach ist, alle Anforderungen an eine Frau von heute unter einen Hut zu bringen. Ich bin gewiss nicht die Idealbesetzung des Typs „duldsames Weibchen“. Und ich finde entschieden, dass die öffentliche Hand u.a. mit mehr Kinderbetreuungseinrichtungen dazu beitragen müsste, Familien das komplexe Leben zu erleichtern.

Aber unterm Strich bleibt die bis auf Weiteres unveränderliche Tatsache: Kinder zu kriegen, ist — Überraschung! — die natürlichste Sache der Welt. Das scheinen wir allerdings vergessen zu haben.

Zuerst haben wir nämlich in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts gelernt, Zeitpunkt und Zahl von Geburten ziemlich verlässlich zu kontrollieren, was ohne jeden Zweifel eine gerade für Frauen entscheidende Lebensverbesserung darstellte. Dann allerdings haben wir zügig verlernt, es als naturgegeben zu betrachten, dass auch beim Säugetier Mensch die Weibchen die Jungen austragen und unsere Art darüber hinaus durch eine sehr, sehr lange Zeit der Brutpflege gekennzeichnet ist.

Das heißt nicht, dass nur eine Mutter eine ganze Frau ist. Das heißt auch nicht, dass sich jemand rechtfertigen muss, wenn er keine Kinder hat. Aber es ist schon sehr bedenklich: Mit dem Verlust der Selbstverständlichkeit der Fortpflanzung ging, einerseits, eine absurd übersteigerte Mystifizierung der Mutter- bzw. Elternschaft einher. Was projizieren wir nicht alles an Optimierungsphantasien in unsere Kinder hinein! Und jede körperliche Abweichung, jede charakterliche Eigenheit, jedes auffällige Verhalten (und was halten wir nicht alles heutzutage für „auffällig“!), die ein Kind an den Tag legt, sind nicht weniger als behandlungsbedürftige Katastrophen.

Gleichzeitig erlauben wir uns, andererseits, allen Ernstes, Kinder als Last zu empfinden — gesellschaftlich und ökonomisch, weil sich diese chronisch renitenten Gschrappen nicht und nicht an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes anpassen wollen. Und individuell, weil Kinder Geld kosten. Weil sie emotional fordernd sind. Weil sie uns daran hindern, unser ach so wertvolles eigenes Leben so zu leben, als ob es sie nicht gäbe. Weil sie uns daran hindern, uns selbst zu verwirklichen.

Merkwürdig. Ich dachte immer, es sei mein eigenes kleines, in sich verwirklichtes Leben, zu dem seit mehr als 14 Jahren eben auch ein Kind gehört. Und es hat mich nicht völlig unerwartet getroffen, dass die Ankunft dieses Kindes mein Leben in vielerlei Hinsicht radikal verändert hat. Ich habe es so gewollt, tatsächlich haben mein Mann und ich es so gewollt. Und wir waren und sind bereit, die Konsequenzen zu tragen, die da u.a. bedeuten, allerlei berufliche und private Pläne, allerlei große und kleine Entscheidungen unter dem Blickwinkel zu treffen, ob sie kompatibel damit sind, dass wir ein Kind haben. Ich tue mir nicht leid. Aber wahrscheinlich stimmt mit mir irgendwas nicht.