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Wunderheiler im Pfarrsaal

Von Irene Heisz | In Tarrenz ist ein „Mann mit Röntgenblick“ aufgetreten. Ärztekammer und Polizei haben etwas dagegen, erwachsene Menschen ihrer eigenen Dummheit zu überlassen.

Der Niederösterreicher ist im Internet unschwer zu finden und hat sich zumindest bei der Erstellung seiner Homepage auf die Expertise von Leuten verlassen, die wirklich etwas von ihrem Fach verstehen. Da bleibt kein Auge trocken und keine Frage offen (übrigens, kleiner Tipp für die Polizei, die den Herrn laut Medienberichten gern einvernehmen würde: Sämtliche relevanten Kontaktdaten sind vorhanden!). Der Typ ist ganz offensichtlich ein wahrer Wunderwuzzi, der nicht nur einen Röntgenblick hat und durch Handauflegen Krankheiten heilt, sondern auch noch weitschweifig und wirr von Gott schwafelt, in der „Ashkara-Chronik“ liest (auch so ein esoterischer Käse) und sicherheitshalber zusätzlich kräftig die „Allheilmittel“ eines befreundeten Pflanzenkosmetik-Gurus bewirbt.

Kurz gesagt: Von galoppierendem Irrsinn über Tumorerkrankungen bis hin zu Schweißfüßen — alles kein Problem für einen wie den „Mann mit dem Röntgenblick“. Irgendwie geht es nämlich immer um „Energie in seiner reinsten Form“. Um diese Formulierung grammatikalisch korrekt hinzukriegen, bedürfte es vermutlich eines Röntgenblicks, der die sieben Siegel des Österreichischen Wörterbuchs zu durchdringen vermag. Aber man darf selbst von einem Wunderheiler nicht zu viel verlangen.

Apropos verlangen: Billig ist es nicht, sich vom menschlichen Ganzkörperscanner durchleuchten und heilen zu lassen. Mindestens 15 Euro kostet allein der Besuch eines Vortrags in breitem Niederösterreichisch; für Einzelsitzungen sind, je nach Veranstaltungsort, gar 130 Euro oder mehr zu berappen. Aber gut, seien wir nicht ungerecht: Was nichts kostet, ist bekanntlich nichts wert. Und lassen Sie sich doch einmal von einem Herrn Primararzt in seiner Privatpraxis auf eine zehnminütige Konsultation bezüglich eines eingewachsenen Zehennagels empfangen…

In Tarrenz ist der Herr Heiler in einer durchaus medizinfernen, privaten Umgebung, nämlich im „Driving Village“ aufgetreten, dessen Betreiber offenbar nicht nur eine Schwäche für lärmende und stinkene Go-Karts, sondern auch für die noch weit abseitigeren Dinge des Lebens haben. Soll sein. Schon in wenigen Tagen wird auch in Vorarlberg ein Anstieg der Röntgenstrahlendosis zu verzeichnen sein, und da wird’s durchaus interessant: Weiß der Pfarrer von Feldkirch-Tisis eigentlich, welche Laus er sich da in den Pfarrsaal-

Meinung

Pelz setzt? Was sagt der Feldkircher Bischof dazu? Und wieso um alles in der Welt stellt die Landesberufsschule Feldkirch Räumlichkeiten für den gemeingefährlichen Unsinn zur Verfügung, den der veranstaltende „Mediale Studienkreis“ mit dem Röntgen-Mann und ähnlichen obskuren Figuren regelmäßig zelebriert? Ich hab’s überprüft: Den offiziellen Lehrberuf „Wunderheiler“ gibt es nicht.

Es wäre zwar interessant zu wissen, ob dieser komische Heilige aus Niederösterreich selbst an das glaubt, was er absondert, also möglicherweise ein gefundenes Fressen für auf dem Gebiet der Heilkunde universitär ausgebildete Kollegen wäre. Oder ob er bloß ein Zyniker mit einem Geschäftsmodell ist, das einige hundert Jahre naturwissenschaftlich-medizinischen Fortschritts völlig unbeschadet überdauert hat. Methode und Effekt von Wunderheilungen sind aber so oder so immer dieselben: Immer werden scham- und gnadenlos Not und Verzweiflung ausgenützt. Und es ist selbstredend höchstgradig unanständig, Menschen mit sehr ernsten, vielleicht potenziell tödlichen Problemen vorzugaukeln, man könne ihre Krankheiten wegwischen wie lästige Fliegen.

Aber, und das ist ein großes Aber: Es ist davon auszugehen, dass die Fans des aktuell auffällig gewordenen und auch sonstiger Wunderheiler lauter erwachsene, geschäftsfähige Menschen sind, die wählen und einen Handyvertrag abschließen dürfen. Nun zeugen zwar sowohl das Wahlverhalten mancher Menschen als auch deren schafartige Gutgläubigkeit gegenüber Telekommunikationsanbietern mitunter gerade nicht von deren Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte. Aber solange sie nicht entmündigt sind oder unter Drohungen dazu genötigt werden, ist davon auszugehen, dass sie sich freiwillig in die Hände eines Wunderheilers begeben und ebenso freiwillig kräftig dafür zahlen (also, wiederum nebenbei bemerkt, keinerlei Grund haben, der Aufforderung der Polizei nachzukommen und sich dort als „Geschädigte“ zu melden).

Die alles entscheidende Frage ist doch wohl: Muss der Staat bzw. muss eine offizielle Standesvertretung wie die Ärztekammer die Leute paternalistisch vor ihrer eigenen abgrundtiefen Dummheit schützen — oder soll man die, die nicht von dieser Welt sind, einfach in ihrem energetisch astrein aufgeladenen Paralleluniversum leben und sterben lassen?