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punktierte Linie

Erklärungsbedarf

Von Irene Heisz | Die Islamische Religionsgemeinde Innsbruck hat beim „Dialog der Religionen“ des Landeshauptmannes gefehlt. Ein Schönheitsfehler einer an sich sinnlosen Veranstaltung.

Der Erklärungsbedarf ist, wie es ausschaut, enorm: Ständig versichern Politiker und Religionsvertreter aller Hierarchiestufen einander und der Welt von runden oder auch ovalen Tischen aus ihre Einigkeit gegen Gewalt, für gegenseitigen Respekt, gegen Radikalismen aller Art, für ein friedliches Nebeneinander. Bi- oder multilateral, mit oder ohne effektvoll inszenierte Unterschriftsleistungen unter salbungsvolle Absichtserklärungen, einander eh nichts Böses zu wollen.

Der Bundespräsident hat es nach den Pariser Attentaten mit diversen Religionsvertretern getan, der Bundeskanzler tut es seit Jahren regelmäßig, die Innsbrucker Bürgermeisterin hat es auch schon vor Jahren getan. Und Ende Februar reihte sich auch der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter in die Riege der Erklärungs-Initiatoren ein. Feierliche Unterzeichnung eines „Vertrages“ inklusive. Äußerer Anlass war die 2010 von der UNO ausgerufene „Woche der interreligiösen Harmonie“. Diese Weltwoche mit dem leicht esoterisch-verhuschten Namen interessiert zwar niemanden, das ist aber insofern egal, als sie eigentlich nicht Ende Februar, sondern jeweils in der ersten Februarwoche begangen (oder eben nicht) wird.

Man kann Aktionen wie Platters „Dialog der Religionen“ sarkastisch als Ausdruck des schlampigen On-Off-Verhältnisses zwischen dem Staat und den Kirchen (was in Österreich im Großen und Ganzen heißt: der katholischen Kirche) interpretieren. Von einer sauberen Trennung kann nicht die Rede sein, man bedient sich nach Belieben einmal intensiver und einmal weniger intensiv der jeweils anderen Seite. Religionsvertreter pochen auf ihre gesellschaftspolitische Relevanz, Politiker andererseits wissen, dass auch fromme Menschen Wählerinnen und Wähler sind.

Oder man deutet derlei Inszenierungen gutwillig als Versuch der Politik, mangels eigenständiger säkularer Visionen für eine gedeihliche Entwicklung der Gesellschaft wenigstens eine Art Vermittlerrolle zwischen verschiedenen religiösen Weltanschauungen zu spielen.

Was jedenfalls vom „Dialog der Religionen“ unter Anleitung des Tiroler Landeshauptmannes bleibt, ist ein gravierender Schönheitsfehler und eine offene Frage: Cui bono, wem nützt das Ganze? Dass ausgerechnet die Islamische Religionsgemeinde (IRG) Innsbruck nicht vertreten war, ist kein Grund für verschwörungsschwangere Boykott-Theorien, hat aber eine leicht bitter schmeckende Ironie. Wer, wenn nicht Christen und Muslime sollten in Tirol im Sinne einer friedlichen Koexistenz intensiv miteinander reden?

Der IRG-Vorsitzende Burhan Türkmen versicherte auf Nachfrage von Zauberfuchs.com

Meinung

nachdrücklich, dass er aufgrund einer irregeleiteten E-Mail erst zwei Tage vor der Veranstaltung davon erfahren habe, selbst seinen Terminplan nicht mehr entsprechend anpassen konnte und sich intensiv, aber vergeblich um einen Ersatz bemüht habe. „Es tut mir leid, es ist einfach nicht gegangen.“ Nachsatz: „Aber es ist ja nun wirklich nicht so, dass wir nicht sowieso miteinander reden und uns zum Beispiel bei Festen gegenseitig besuchen würden.“ Damit hat Türkmen unstrittig Recht.

Ausgehend von der katholischen Kirche werden nämlich Kontakte, die zum Teil sogar freundschaftlicher Natur sind, zwischen vielen religiösen Gruppen gepflegt. Es wimmelt in der Diözese Innsbruck geradezu von bilateralen Gesprächsgruppen, die zum Teil seit vielen Jahren aktiv sind: christlich-muslimisch, christlich-jüdisch, christlich-alevitisch… Der Radikalen wird man so sicher nicht habhaft. Aber die, die guten Willens sind, reden häufig miteinander. Auf eine Einladung des Landeshauptmannes sind Katholiken und Muslime wie im Übrigen auch die Israelitische Kultusgemeinde also definitiv nicht angewiesen.

Ganz im Gegensatz allerdings zu den Vertretern diverser Klein- und Kleinstgruppierungen von Buddhisten bis Evangelikalen unterschiedlicher Ausprägung, die auch alle danach streben, nach ihrer Fasson glücklich zu werden, ansonsten aber mit gutem Grund nie öffentlich auffällig werden, geschweige denn gemeinsam mit dem katholischen Bischof und dem Landeshauptmann auf ein Zeitungsfoto kommen. Es mangelt ihnen nämlich nicht nur an Masse und personellen Ressourcen, sondern vor allem auch an gesellschaftlicher Relevanz. Ihnen, aber eben nur ihnen, kommt der landeshauptmännische „Dialog der Religionen“ unter dem Aspekt der Öffentlichkeitswirkung zugute. Das ist als Ergebnis doch arg mager.

Darauf hinzuweisen, dass „gut gemeint“ häufig das Gegenteil von „gut“ ist, wäre insofern übertrieben, als so eine Gesprächsrunde wenigstens keinen Schaden anrichtet. Es soll interreligiös nichts Schlimmeres passieren, als dass die Leute miteinander reden und sich religiöse Randgruppen ein bisschen im Glanze des katholischen Platzhirschen sonnen. Der Dialog der Religionen wird also vollkommen nebenwirkungsfrei bleiben. Aber irgendeine Form von Wirkung ist beim besten Willen auch nicht zu erwarten. Konkrete Folgen des Gesprächs sind weder erwünscht noch geplant, in einem Jahr, heißt es, werde man einander wieder in der nämlichen Runde treffen.

Die Medien werden bestimmt wieder brav berichten. Und wenn der IRG dann frühzeitig ein Terminaviso zugestellt wird, wird das nächste Zeitungsfoto wohl auch nicht mehr von einem dominiert sein, der gar nicht drauf ist.