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punktierte Linie

Radio Ga Ga
oder Ö1 ist keine Legebatterie

Von Irene Heisz | Der ORF will künftig sämtliche Fernseh-, Radio- und Online-Kanäle von einem zentralen Newsroom aus bespielen. Nicht für mein Geld!

Ö1, brüstet sich der ORF im Internet, sei „der erfolgreichste Kultursender Europas,“ der „täglich 24 Stunden Programm auf höchstem Niveau“ biete. Gewohnt bescheiden, aber nicht unwahr. Nun allerdings soll das Funkhaus mitten in Wien aufgegeben werden und das gesamte ORF-Senderkonglomerat am Küniglberg zusammengezogen werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie viele Liebhaberinnen und Liebhaber von Ö1 befürchten, dass eine solche Maßnahme den Sender schwer beschädigen würde. Zu Recht.

„Höchstes Niveau“ in der Medienarbeit ist nämlich nicht zuletzt eine Frage von Arbeitsbedingungen. Offene Briefe (hier zu finden) und eine Online-Petition (hier zu finden), die binnen kurzer Zeit 29.000 Menschen gezeichnet haben, sind im Umlauf. Die ORF-Führung ist um Beruhigung bemüht (hier zu finden): Gute Radioarbeit sei, so die Argumentation, nicht standortabhängig. Das stimmt. Aber nur sehr bedingt. Und aus einer Legebatterie kommen keine qualitativ hochwertigen Eier, egal, wo sie steht.

Es ist nichts Grundsätzliches dagegen zu sagen, Ö1 von der Argentinierstraße, wo auch FM4 und Radio Wien logieren, auf den Küniglberg zu übersiedeln. Man muss schon unter einer Überidentifikation mit dem Sender (ein unter ORF-Leuten nicht unbekanntes Syndrom) leiden, um den leicht grindigen Charme des Funkhauses und seiner Umgebung für unverzichtbar zu halten. Innerstädtische Lage hin oder her. Und das Radiokulturhaus, das öffentliche Gesicht von Ö1, das ebenfalls in der Argentinierstraße angesiedelt ist, soll ja angeblich erhalten bleiben. Aber es ist eine ganz und gar unsägliche Idee, Inhalte für Ö1 wie für alle anderen ORF-Kanäle von einem zentralen, trimedialen Newsroom aus zu streuen.

Der Newsroom/Newsdesk an sich, vor rund 20 Jahren in den USA erfunden und seither der feuchte Traum jedes Verlagsleiters und Senderchefs, der nichts von Journalismus versteht, hat seine Meriten — wenn er tatsächlich und ausschließlich dafür verwendet wird, News, also aktuelle Meldungshäppchen, zu bündeln und effizient auf einzelne Kanäle (von Print über Radio und Fernsehen bis zu Online) zu verteilen. Für kreative Schreiber und Sendungsgestalter allerdings ist ein Newsroom der erste Kreis der Hölle. Ersonnen von irgendwelchen schicken Stromlinien-Bastlern, denen der Unterschied

Meinung

zwischen „Content“ und gehaltvoller Medienproduktion nicht nur egal ist, sondern auch unbekannt. Die halten es für einen reinen Marketing-Schmäh, von Konzentration, Geist und der erheblichen Mühe, den präzisen Ausdruck, den stringenten Gedankengang zu finden auch nur zu reden. Ich allerdings kann Ö1 schon nicht nebenbei hören, als Hintergrundgeräusch für eigene geistige Arbeit oder Gespräche sind vor allem die Wortinhalte zu komplex und zu reich an Nuancen — ich gehe also davon aus, dass es auch ein hohes Maß an Fokussierung und eine ruhige, geschützte Arbeitsatmosphäre braucht, Ö1 zu produzieren.

Ich erfahre bei Ö1 täglich etwas Neues, Interessantes, Spannendes oder auch Unterhaltsames über die Welt und die Politik, Kunst und Kultur, Philosophie und Gesellschaft, Theorie und Praxis des Lebens. Durch Reportagen, Features, Interviews und sonstige Beiträge aller Art in einer Ausführlichkeit und Gründlichkeit, die der zwar kurzatmige, aber auch kurzweilige Häppchenjournalismus auf Sendern wie etwa Ö3 nicht bieten kann und will.
Es wäre dumm und sehr billig (freilich nur im übertragenen Sinn), Unterhaltung und Sport im Fernsehen gegen Nachrichten und Dokumentationen auszuspielen oder Ö3 gegen Ö1 aufzuwiegen. Dass auch das eine öffentlich berechtigt ist, bedeutet keineswegs, dass das andere überflüssig oder bloß „nice to have“ wäre. Ich persönlich brauche für meine geistige und seelische Gesundheit weder „Dancing Stars“ noch den Ö3-Wecker. Ich erkenne allerdings klar an, dass da wie dort hochqualifizierte Profis am Werk sind, die ihren Unterhaltungsauftrag meistens ausgezeichnet erfüllen.

Den Kirchenbeitrag kann ich zweckbinden; meine ORF-Gebühren möchte ich auch als zweckgebunden betrachten — dafür, dass sich der ORF für mein Geld und die Werbung, die er reichlich auf anderen Sendern spielt, Ö1 nicht nur irgendwie gerade noch als Feigenblatt leistet, sondern den Kultursender und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter pfleglichst behandelt. Dort arbeiten nämlich viele sehr fähige Menschen und leidenschaftliche Radiomacher. Damit die ihren Auftrag, mich auf höchstem Niveau zu bilden, auch weiterhin zu meiner Zufriedenheit erfüllen können, brauchen sie mehr als ein paar Quadratzentimeter Platz unter Dutzenden oder Hunderten anderen Medienhühnern auf der Newsroom-Stange.