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punktierte Linie

Grey ist
alle Theorie

Von Irene Heisz | Worüber aktuell schreiben? Päpstliche Vor-Schläge zur Kindererziehung oder den Filmstart von „50 shades of Grey“? Grober Unfug ist beides.

Grey ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum. Wenn wir die raffiniert gebrochene Metapher, die Goethe Mephisto in den Mund legte, in ihrer Fülle würdigen, kommen wir unweigerlich zu dem Schluss: Sowohl für die Hysterie um den Papst als auch für die orgiastische Erregung um „50 shades of Grey“ gilt, dass das Grau der Theorie tatsächlich alle möglichen interessanten Schattierungen aufweist. Aber am grünen (oder doch goldenen?) Baum des Lebens gedeihen diverse Triebe.

Der CEO der unae sanctae catholicae et apostolicae ecclesiae redet wie ein Mensch und hat offenbar allerlei menschliche Regungen, von denen er der Welt auch gern berichtet. Die Gezeiten der Geschichte haben mit ihm einen Mann auf den Heiligen Stuhl gespült, der in Sprache und Gestus von der ersten Sekunde an provokant das Gegenteil dessen verkörpert hat, was die Kurie ausmacht und den Vatikan dem säkularen Teil der Menschheit so suspekt macht. Man kann also ohne weiteres verstehen, dass einem wie Papst Franziskus die Ansammlung salbungsvoll schwafelnder, träger Pfründebewahrer, die ihn tagaus tagein umgibt, auf die Palme bringt. Und manchmal so reizt, dass er in einen Polster beißen muss/ihm das Messer im Sack aufgeht/er die Faust in der Tasche ballt etc. etc. Aber was können die Kinder dieser Welt dafür, dass sich in dem Mann ein gewisses Aggressionspotenzial anzustauen scheint?

Die Radikalisierung, die sich da vor den Augen der Welt vollzieht, hat etwas durchaus Verstörendes: Kurz vor Weihnachten war es noch eine verbale, nur intern wirkende Gnaggwatschn, die der Papst seiner Kurie verpasste. Kurz danach kündigte er öffentlich an, ein Kumpel von ihm müsse jederzeit einen Faustschlag gewärtigen, wenn diesem einfiele, des Papstes Mutter zu beleidigen. Und neuerdings vergreift sich der alte Mann mit dem freundlichen Gesicht verbal an Kindern, die man ruhig schlagen dürfe, solange deren Würde gewahrt bleibe.

Man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, nicht einmal jedes Wort von einem, der sich vermutlich mitunter wünscht, er sei nicht Papst, sondern einfach wieder Herr Bergoglio. Aber das ist er seit geraumer Zeit nicht mehr. Und als oberste moralische Instanz für 1,2 Milliarden Katholiken sollte, nein muss er darauf verzichten, derart groben, gemeingefährlichen Unfug zu verbreiten.

Merke: Ein bissl würdevoll demütigen geht genauso wenig wie ein bissl schwanger sein. Letzteres zumindest sollte sogar innerhalb katholischer Kreise als gesichert gelten. Und sogar ein alter Mann, der Zeit seines Lebens zölibatär war und nie dem wirklichen Leben in Form einer Familie ausgesetzt war, könnte bemerkt haben, dass sich die Welt der Pädagogik den letzten 50 Jahren weitergedreht hat.

Kinder sind keine Delinquenten, die durch Züchtigung auf Linie (welche auch immer) gebracht werden müssen. Und Familie ist keine Disziplinierungsanstalt, in der ein allmächtiger

Meinung

Patriarch herrscht. Dieses Welt- und Menschenbild funktioniert nur noch in der Kirche, und selbst dort bekanntlich nur noch sehr theoretisch.

Apropos Verstörung, apropos grober Unfug und apropos krauses Menschenbild: Davon, dass es keine richtige Praxis in der falschen Theorie gibt, handelt auch das Phänomen „50 shades of Grey“. Die Verfilmung der millionenfach verkauften Trilogie läuft diese Woche an. Heiß ersehnt, lese ich, und mit größter Spannung erwartet werde der Film. Und staunend vernehme ich die Kunde von abermals millionenfach vorbestellten Kinokarten, hysterisch kreischenden Frauen bei diversen Previews und Rezensionsverboten für Journalisten (was steht auf ein Durchbrechen des Verbots — fesseln und auspeitschen?!).

Ich sag’s lieber gleich: Ich hätte die Bücher nicht ungern geschrieben (vom Honorar für 70 Millionen verkaufte Exemplare ließe es sich direkt unanständig bequem leben), aber ich habe sie ungern gelesen. Mein heißes Sehnen nach dem Film kann ich deshalb mühelos zügeln. „Shades of Grey“ ist ärgerlicher Dreck, und zwar nicht wegen der darin beschriebenen Sexualpraktiken. Und nicht einmal nur wegen der unterirdischen literarischen Qualität der Vorlage, die der eines Telefonbuchs entspricht.

Beunruhigend und, ja, potenziell ebenfalls gemeingefährlich sind die kruden soziologischen Theorien, die da in ein mit BDSM-Zutaten gewürztes Märchen gepackt wurden. Zum einen wird der männliche Protagonist als schwer beschädigte Persönlichkeit beschrieben. Die Psychopathologie hätte bestimmt einen Namen für Christian Greys Probleme und möglicherweise sogar eine Therapie – romantische Verliebtheit, diese Falle, in die Frauen noch ein halbes Jahr nach dem jüngsten Tag tappen werden, ist als Heilmittel allerdings definitiv auszuschließen.

Zum anderen zeichnet die Autorin E.L. James das Bild einer Frau, die urplötzlich ihre submissive Seite an sich entdeckt, als ein selbstverständlich umwerfend fescher Millionär sie mit Geld und Luxusgoodies zuzuschütten beginnt. Das also ist es, wovon 70 Millionen Frauen des 21. Jahrhunderts träumen, was ihre erotischen Phantasien stimuliert und sie im Kino ekstatisch kreischen lässt? Der Papst hat in unseliger Ignoranz ein halbes Jahrhundert Erziehungswissenschaften verschlafen; an Miss James und ihren Anhängerinnen sind offenbar ein paar Jahrzehnte feministischer Theorie und Praxis spurlos vorübergegangen. Sexuelle Dienstleistungen gegen Geld haben einen Namen, Partnerschaft auf Augenhöhe nennt man so etwas aber nicht.

Machen wir nur einmal die simpelste aller denkbaren Gegenproben: Wie wäre es wohl um die sexuelle Unterwerfungsbereitschaft von Fräulein Steele bestellt, wenn Mr. Grey ein optisch optimierungsbedürftiger Hilfsarbeiter wäre? Zumindest in der Literatur wäre da eine hochinteressante Geschichte drin — aber mit ganz schlechten Karten für Hollywood und den Triumph des totalen Marketings.