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punktierte Linie

Patriotische
Leibesübungen

Von Irene Heisz | Sich an der frischen Luft zu bewegen, ist an sich gesund. Aber nicht immer. Und man kann auch eindeutig wo ang’rennt sein, wenn man ständig im Kreis geht. Aber dieses Paradoxon ist wahrscheinlich zu kompliziert für patriotische Europäer, zumal wenn diese ohnehin intellektuell völlig ausgelastet damit sind, unter den Augen der Polizei korrekt ihre Leibesübungen durchzuführen: Und hoch den rechten Arm, schön stramm und zackig, Heil!, jawoll.

Österreich hat also den Anschluss an Deutschland gefunden. Wieder einmal. Pegida ist in Wien angekommen.

Mehr als ein paar hundert völkisch Übermotivierte waren es zwar nicht, die am Montagabend partout durch die Bundeshauptstadt „spazieren“ wollten (was im Übrigen auch für alle anderen bisherigen Franchise-Unternehmen der Pegida-Hauptstadt Dresden galt). Und so richtig gelungen ist dieser erste Versuch der Wiener Patrioten, fünf Minuten vor zwölf die Islamisierung des Abendlandes abzuwenden, auch nicht. Sie wurden von einigen tausend unpatriotischen Anti-Europäern, die ganz gewiss leidenschaftlich die Islamisierung des Abendlandes herbeisehnen, böswillig daran gehindert, ihre Mission zu erfüllen.

Worin sie genau besteht, diese Mission, ist zwar unklarer denn je. Aber Spazierenstehen ist irgendwie unsexy, selbst für Leute, die gar nicht so ganz genau wissen, wohin sie eigentlich gehen wollen. Dazu kommt, dass Pegida in Deutschland gerade zügig die Luft ausgeht. Behauptet

Meinung

zumindest die gleichgeschaltete Lügenpresse. Die neueste Entwicklung, die schon verdächtig nach Verzweiflungsakt müffelt: Pegida ist vorläufig führerlos, die Ex-Frontfrau Kathrin Oertel hat einen Verein namens „Direkte Demokratie für Europa“ gegründet. Ob der abgekürzt DDE heißt, ist nicht bekannt. Die Direktdemokraten wollen ihren Frust gegen eh alles jedenfalls nicht montags, am traditionellen Pegida-Tag, sondern sonntags Gassi führen. Offenbar möchte man die Dresdner nicht leichtfertig der Möglichkeit berauben, ihren patriotischen Bewegungsdrang sonntags direktdemokratisch und montags antiislamisch auszuleben.

Die optimistische Interpretation der Ereignisse lautet: Das ist tatsächlich der Anfang vom Ende von Pegida. Da Geschichte allerdings selten Anlass für überschäumenden Optimismus bietet, trifft die realistische Einschätzung vermutlich eher zu: Die Zellteilung wird neue Monster gebären. Und so oder so gilt für dumpfen Frust dasselbe wie für jede Art von Energie — sie verschwindet nicht, sie wird lediglich umgewandelt.