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punktierte Linie

Wahl der
Waffen

Von Irene Heisz | Ich fürchte mich nicht vor Gläubigen. Ich fürchte mich vor Kleingläubigen, die weder das Selbst- noch das Gottvertrauen aufbringen, gelassen zu bleiben, wenn jemand anderer etwas anderes denkt, glaubt, fühlt als sie.

Ich bin Charlie . Wir alle sind Charlie — unzählige Kolleginnen und Kollegen der ermordeten französischen Zeichner und Journalisten artikulieren ihr Entsetzen, ihre Trauer, ihre Fassungslosigkeit. Millionen Menschen in Frankreich und in großen Teilen der restlichen Welt zeigen sich öffentlich solidarisch, weil sie begriffen haben: Wenn wir uns von Terroristen einschüchtern lassen, geben wir uns und alles, wofür unsere europäischen Gesellschaften seit mehr als 200 Jahren stehen, auf.

Das darf nicht passieren. Das wird nicht passieren.

Ich gebe es zu: Als am Mittwoch gegen Mittag die ersten Eilmeldungen über das grausige Attentat in Paris eintrafen, spürte ich eine Art geistigen Brechreiz, einen reflexhaften Drang, mich mit der wachsenden Zahl von Pegida-Anhängern gemein zu machen und ein paar halb verdaute, muffig riechende Meinungsbrocken „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ hervor zu würgen. Aber — kräftig durchzuatmen und dem von Wut und Abscheu paralysierten Hirn eine satte Dosis Sauerstoff zuzuführen, hilft mitunter — tatsächlich fürchte ich mich nicht vor der Schimäre der „Islamisierung“. Niemand hindert mich daran, niemand versucht, mich daran zu hindern, und niemand hat mich daran zu hindern, zum Gottesdienst eine Kirche zu besuchen, Schweinefleisch zu essen, Alkohol zu trinken und all die anderen Dinge zu tun, die der Koran angeblich verbietet — oder auch all das einfach zu lassen. Es ist mir vollkommen gleichgültig und hat mir gleichgültig zu sein, ob jemand zu Gott, Allah oder dem fliegenden Spaghettimonster  betet und zur Ausübung seiner Religion in eine Kirche, eine Synagoge, eine Moschee, meinetwegen auch ins Hallenbad geht — oder auch all das einfach nicht tut.

Das nennt sich pluralistische Demokratie und der Pluralismus in der Demokratie ist der kleinste und zugleich einzige gemeinsame Nenner, auf den wir uns als patriotische Europäerinnen und Europäer immer und immer wieder verständigen müssen, sei es auch unter erheblichen Schmerzen und langwierigen, komplizierten Prozessen der Meinungsfindung.

Ich fürchte mich nicht vor Gläubigen, egal welcher Konfession; ich fürchte mich vor Kleingläubigen, die sich ihrer eigenen Identität nur durch die radikale Ablehnung alles anderen, alles Fremden zu versichern imstande sind. Ich fürchte mich vor denen, die es nicht aushalten, dass man sich über sie lustig macht, die in Denkverboten und der Errichtung intellektueller Tabuzonen ein probates Mittel zur Wahrung ihrer kulturellen Unversehrtheit sehen. Ich fürchte mich vor denen, die weder das

Meinung

nötige Selbst- noch das Gottvertrauen aufbringen, gelassen zu bleiben, wenn jemand anderer etwas anderes denkt, glaubt, fühlt als sie selbst.

Pegida-Anhänger und fanatisierte Moslems sind einander in den systemischen Untiefen ihrer angsterfüllten Ressentiments nicht unähnlich. So will ich nicht sein. So soll mein „Abendland“ nicht sein. Als Tirolerin kenne ich persönlich mehr fanatische Christen, genauer gesagt Katholiken, als fanatische Moslems. Und sich satirisch mit Fundamentalisten der christlichen Ausprägung auseinander zu setzen, bringt einem in unserer Zeit in unserem Kulturkreis auch schnell einmal geifernde Drohungen mit der Hölle ein. Das ist unsympathisch und unangenehm, aber im Grunde nicht weiter tragisch, wenn man nicht an derartige Strafmechanismen glaubt, sondern sich an ein Strafgesetz hält, das die freie Religionsausübung garantiert, aber Meinungs- und Pressefreiheit als besonders hohes Gut definiert. Das gilt selbstredend auch für die Meinungsfreiheit religiöser Fundamentalisten.

Die dürfen und sollen sich wehren, wenn sie denn nicht anders können, als sich angegriffen zu fühlen. Der springende Punkt und der aktuell entscheidende Unterschied zwischen abendländischen und islamischen Fundamentalisten liegt allerdings in der Wahl der Waffen. Wann sich zuletzt ein radikaler Christ bemüßigt gefühlt hätte, un- oder andersgläubiges (Journalisten-)Gesindel mit Hilfe einer Kalaschnikow in die ewige Verdammnis zu expedieren, ist mir nicht bekannt. „Katholizisten“ haben sich ungern, aber doch daran gewöhnen müssen, dass sie und ihre Überzeugungen eben nicht sakrosankt sind. Das kann man nicht nur als Fortschritt bezeichnen, das ist eine kulturelle Errungenschaft, hinter die wir auf gar keinen Fall zurückfallen dürfen und die von reaktionären Strömungen im Islam (noch) nicht vollzogen wurde.

Gehen wir konsequent optimistisch davon aus, dass die Mehrheit der Musliminnen und Muslime, die in Europa geboren wurden oder auch nach Europa zuwandern, nichts anderes will, als mit ihren Familien und Freunden in Ruhe zu leben und ihre Nachbarn in derselben Ruhe leben zu lassen. Wenn der Islam in Europa wahrhaft ankommen und aufrichtigen Herzens als zusätzlicher Bestandteil der europäischen Kultur respektiert werden will und soll, dann müssen auch Musliminnen und Muslime lernen zu akzeptieren, dass ihr Prophet nicht kleiner oder unwichtiger wird, wenn sich jemand über ihn lustig macht. Menschen, die zu Allah beten, stehen nicht unter Generalverdacht, das ist dumm, würde- und respektlos. Aber sie stehen in der Pflicht, zu beweisen, dass sie die Menschenrechte ernst nehmen, also gute Europäer sind.