Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 2:30 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Gemach, gemach: Gedanken zum Lufthunderter

Von Irene Heisz | Der permanente Hunderter auf dem größten Teil der Tiroler Autobahnen ist da. An manchen entrüsteten Reaktionen darauf müssten Soziologen und Psychologen ihre helle Freude haben.

Das österreichische Umweltbundesamt hat es vor Kurzem bei einer Fachtagung wieder einmal vorgerechnet: Ein durchschnittlicher PKW stößt bei Tempo 100 statt 130 durchschnittlich um 38 Prozent weniger Stickoxide aus, um 22 Prozent weniger Kohlendioxid und um 31 Prozent weniger Feinstaub (nähere Infos hier zu finden). Dazu kommt, dass die Verkehrsströme insgesamt homogener (heißt im Grunde: weniger stauanfällig) und die Bremswege kürzer werden, wenn alle etwas gemächlicher fahren. Der permanente so genannte Lufthunderter soll als Vorleistung auf die Wiedereinführung eines sektoralen Lkw-Fahrverbots fungieren. Und wenn die Lkw sich an die ihnen vorgeschriebenen 80 Stundenkilometer halten, reichen 20 km/h Differenz auch locker, sie zu überholen.

Wo also ist das Problem?

Gegner des Tempolimits echauffieren sich über die „Schikane“ und reden von „Abzocke“. Auf irgendeiner Art von nachvollziehbarer Logik oder gar wissenschaftlicher Beweisführung basierende Argumente sind das nicht. Wer schikaniert da wen? Die Landesregierung das Volk? Ja sicher, die schwarzen und grünen Damen und Herren, allesamt boshaft von Natur aus, haben ja sonst nichts zu tun und hocken ständig beisammen, um zu überlegen, wie sie sich bei möglichst vielen Menschen möglichst grundlos unbeliebt machen. Und von wegen Abzocke: Wer sich im Rahmen des Erlaubten bewegt, kann sehr einfach und elegant verhindern, dem Staat zusätzlich zu seinen Steuern Geld abliefern zu müssen.

Hier geht es also offenbar ausschließlich um Emotionen, die bekanntlich die unangenehme Eigenschaft haben, irrational zu sein, und um den wohlfeilen Abbau von Aggressionen auf einem Nebenschauplatz unserer konsumgetriebenen Existenz. Aber das alles passt ja zum unerschöpflichen Thema „Ich und mein Auto“.

Einzelne optimistische Studien, laut denen sich bei immer mehr jungen Menschen eine Abkehr vom

Meinung

kollektiven Fetisch Auto abzeichne und die Leute flexible Mobilität, aber kein eigenes Auto wollen, stehen anderen gegenüber, die das Auto nach wie vor als die heiligste aller heiligen Kühe feiern. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass er uns gar nicht mehr auffällt, sondern wie eine naturgesetzliche Konstante vorkommt: Die reine Nützlichkeit und der Gebrauchswert eines Autos wurden längst rückstandslos von seiner emotionalen Wertigkeit entkoppelt.

Ursprünglich wurden Personenkraftwagen dazu erfunden, um schneller als mit der Pferdekutsche und flexibler als mit der Eisenbahn von A nach B zu kommen Seit Jahrzehnten aber verkauft uns die unheilige Allianz zwischen der Automobil- und der Erdölindustrie, bombenfest gestützt von einer speichelleckerisch wirtschaftshörigen Politik, nicht mehr bloß irgendwelche nützlichen Fahrzeuge, sondern ein geradezu mystisch überhöhtes Lebensgefühl. Natürlich, so funktioniert Werbung eben, und nicht nur für Autos, sondern mittlerweile sogar für Banalitäten wie elektrische Zahnbürsten. Aber bei kaum einem anderen Gebrauchsgegenstand so gut wie bei Autos. Und bei kaum einem anderen Gebrauchsgegenstand mit derart vielfältigen und gravierenden Auswirkungen auf die Natur und den Menschen — vom horrenden Raumverbrauch für Straßen, Parkmöglichkeiten etc. über zahllose Verletzte und Tote bei Unfällen bis eben hin zu den Schäden, die Emissionen an Mensch und Natur anrichten. Aus Freude am Fahren. Drive the change.

Das ist, wenn man es nüchtern betrachtet, recht erbärmlich. Und es kann nicht über eine simple Tatsache hinwegtäuschen: Autofahren an sich ist kein Menschenrecht. Und schnell Auto zu fahren erst recht nicht. Wer allen Ernstes meint, ein Tempolimit auf der Autobahn beschneide ihn in unzumutbarer Weise in seiner persönlichen Freiheit, hat möglicherweise ein Problem, das er mit einer psychologisch geschulten Fachkraft seines Vertrauens bearbeiten könnte.

Aber eher nicht mit der Landesregierung.