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punktierte Linie

Herzleiden in
Schwarzgrün

Von Irene Heisz | Zur Wacker-Krise: Ein Vereinsvorstand, der sich vor den Fans versteckt, agiert mindestens so unintelligent wie Fans, die Spieler und Funktionäre anpöbeln.

Ich bin Fußballfan, seit ich denken kann. Und natürlich schlägt mein Innsbrucker Herz schwarzgrün. An beidem ist mein Vater Schuld (wofür ich ihm heute noch dankbar bin). Er ignorierte nämlich die Tatsache, dass sein ältestes Kind kein Sohn war, und nahm mich in den Siebzigerjahren einfach mit, wenn er Wacker schauen ging. Damals gab es noch Liberos (Bruno Pezzey, schau herunter!), die Bundesliga hieß 1. Division und weibliche Wesen wirkten im Stadion noch reichlich exotisch. Vom ersten Moment an liebte ich das Spiel, die Atmosphäre in einem vollen Stadion, die Spannung oft bis zur allerletzten Sekunde, die Dramen, die programmierten und noch mehr die überraschenden Siege, die programmierten und die schockierend abgründigen Niederlagen…

Später, als ich zu cool wurde, mich in der Öffentlichkeit mit meinem Vater zu zeigen, waren wir drei Mädchen, die — so bedingungslos liebt man nur, wenn man sehr jung ist — lieber gestorben wären, als ein Heimspiel am Tivoli auszulassen. Auswärtsspiele verfolgte ich Samstag für Samstag aufgeregt via „Sport & Musik“ auf Radio Tirol („Achtung, Achtung, Tor am Tivoli! Tooor am Tivoli!“)

Wir standen uns bei jedem noch so unwirtlichen Tiroler Wetter selbstverständlich auf der zugigen Nordtribüne die Beine in den Bauch. Und das Einzige, was ich in meinem Leben jemals freiwillig gestrickt habe, war ein mehrere Meter langer schwarzgrüner Schal. Ich weiß nicht, ob Merchandising damals einfach noch nicht erfunden war oder ob wir bloß kein Geld hatten.

Natürlich schwärmte ich ein bisschen für den einen oder anderen Spieler, doch liebte ich im Grunde schon als Jugendliche nicht die Spieler, sondern das Spiel. Ich war kein Groupie, sondern Fußballfan. Und sexistische Kommentare männlicher Stadionbesucher — „Nacha, Schatzi, welcha gfallt da denn am beschtn?“, „Magsch ma nit amal die Abseits-Regel erklärn?“ — überhaupt einer Antwort zu würdigen, war mir schon damals zu blöd.

Ich schaffte es sogar, meine private Leidenschaft organisch in meine an sich sportferne Bildungslaufbahn zu integrieren: Als im Deutschunterricht am Gymnasium das Thema „Interview“ zu bearbeiten war, rief ich klopfenden Herzens einen Wacker-Spieler an, der einfach so im Telefonbuch stand. Im Grammatik-Proseminar während meines Germanistik-Studiums analysierte ich die sprachlichen Eigenheiten und Muster einer „Sport & Musik“-Sendung. Wie sich herausstellte, war glücklicherweise auch der Professor ein leidenschaftlicher Fußballfan.

Dann kam mit der FC-Tirol-Katastrophe die große,

Meinung

dreckige Zäsur der Nullerjahre und ich nur noch selten ins Tivoli. Aus beruflichen und familiären Gründen. Und auch, weil zwar nicht meine Liebe zum Spiel, aber meine Liebe zum Wacker merklich abkühlte. Fußballfan zu sein, war immer einfach und schön, Wackerianerin zu sein wurde im Laufe der Jahre immer noch schwieriger, obwohl ich der naiven Überzeugung anhänge, dass sich wahre Liebe auch im Fußball gerade in den schlechten Zeiten als tragfähig erweisen muss.

Deshalb tropft seit Jahren stetig heißes Blut aus einem immer noch schwarzgrünen Winkel meines Herzens. Ich verstehe die organisierten Fans nicht, für die Loyalität ein Fremdwort und das Fansein bloß eine willkommene Möglichkeit der aggressiven Triebabfuhr zu sein scheint (und die sich mitunter so aufführen, dass ich mich nicht einmal allein, geschweige denn mit einem Kind auf die Nordtribüne trauen würde). Der organisierte Fan ist ein merkwürdiges, unterschwellig ein bisschen bedrohliches Wesen, das grundsätzlich alles besser weiß (manchmal wirklich!) und seine unbarmherzige Meinung ohne Rücksicht auf Verluste hinaus brüllt. Trotzdem oder gerade deshalb sind die organisierten Fans ernst zu nehmen. Ihrer kann man, im Gegensatz zu solchen wie mir, die halt einfach nicht mehr hingehen und im Stillen leiden, wenigstens habhaft werden.

Noch weniger als die Fanklubs verstehe ich deshalb die wechselnden Wacker-Vereinsführungen, speziell die aktuelle, die stolze vier Köpfe, aber offensichtlich keinen Plan und keinen Mumm hat. Man kann über Einkaufspolitik, Trainereignung usw. usw. immer hitzig streiten, das ist Teil der Faszination des Fußballsports. Aber in einer Situation, in der der Wacker sogar in der zweiten Klasse ständig zwischen Absterben und Amen dahin krebst, die turnusmäßige Generalversammlung abzusagen, ist nicht nur feige, sondern mindestens so unintelligent wie das Verhalten von Fans, die Spieler und Funktionäre anpöbeln. Die sportliche Krise wird sich nicht über Nacht beheben lassen; die Fankrise hätte der Vorstand aber deutlich kleiner halten können. Den Stier bei den Hörnern zu packen, ist nämlich allemal die bessere Strategie, als sich in der offenen Arena verstecken zu wollen und sich in wohlfeilen Gemeinplätzen über die stolze Tradition des Vereins zu ergehen. Natürlich gibt es angenehmere Aufgaben, als sich vor aufgebrachten Wackerianern zu rechtfertigen. Aber das gehört eben zum Job dazu.

Ich muss nicht auf die Nordtribüne, wenn’s mir zu dort ungemütlich ist. Wacker-Präsident Josef Gunsch und seine drei Mitvorstände hingegen sollten aus der VIP-Lounge herauskommen und sich gut sichtbar genau dorthin stellen.