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punktierte Linie

Schockgefrostet auf Firmenkosten

Von Irene Heisz | Social egg freezing schafft vielleicht keine neuen Probleme, aber es verschärft bestehende.

Vor Kurzem haben wir alle ein neues Wort gelernt: „social freezing“ oder auch „social egg freezing“. Das ist nicht etwa ein neuer, der Jahreszeit angepasster Internet-Spaßtrend. Das hat nichts mit der sozialen Kälte zu tun, die konservative politische Parteien gern nach Kräften um sich verbreiten. Und das ist auch nicht der letzte Schrei, den die Zauberlehrlinge der Molekular-Kochkunst in ihren Labors erfunden haben. Nein, social freezing ist der urplötzlich in Mode gekommene Begriff dafür, dem Eierstock einer Frau möglichst viele Eizellen zu entnehmen und diese für allfällige spätere Reproduktionsversuche einzufrieren.

Ausgelöst haben internationale Debatten darüber die Weltkonzerne Facebook und Apple mit ihrer Ankündigung, die — erheblichen — Kosten dafür zu übernehmen, wenn Mitarbeiterinnen auf diese Weise das Kinderkriegen zugunsten einer möglichst lange ununterbrochenen Arbeitsbiographie verschieben. Eizellen so schonend einzufrieren, dass sie auch Jahre später noch brauchbar sind, ist erst seit wenigen Jahren möglich, ein breiter Meinungsbildungsprozess dazu findet gerade statt.

Frauen und Männer aller weltanschaulichen Lager und beruflichen Hintergründe streiten darüber: Bedeutet social freezing nun mehr Autonomie (wovon eigentlich?!) für Frauen — oder gerade das Gegenteil davon, zumal wenn es der Arbeitgeber zahlt? Ist die Kostenübernahme eine soziale Großtat von Apple und Facebook, die Frauen freier und glücklicher macht — oder bloß die jüngste widerliche Ausgeburt eines entmenschlichten Wirtschaftssystems, das die Tatsache, dass Frauen ausgerechnet in ihren intellektuell und leistungsmäßig produktivsten Jahren auch noch Kinder bekommen, als lästigen Störfaktor betrachten?

Ich neige zu letzterer Annahme — wissend, dass das Thema vielschichtig ist. Und wissend, dass die betreffenden Konzerne ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abseits von social freezing Sozialleistungen bieten, die für US-amerikanische Verhältnisse geradezu paradiesisch wirken. Aber ich unterstelle, dass die Motivation dahinter nicht schiere Menschenliebe ist, sondern eben ein knallhartes wirtschaftliches Kalkül. Die Guten suchen sich die besseren Arbeitgeber aus, wer qualifizierte und langfristig motivierte Leute will, muss ihnen etwas bieten.

Tatsache ist: social freezing ist zunächst einmal ein Luxusproblem. Die allermeisten Frauen auf der Welt, nämlich alle außerhalb unseres extrem privilegierten Zirkels von Industriestaaten, sind immer noch damit beschäftigt (oder sollten es sein!), möglichst nicht zu viele Kinder zu bekommen, und jene, die sie zur Welt bringen, unter einigermaßen menschenwürdigen Bedingungen großzuziehen. Das globale Problem ist bekanntlich nicht etwa, dass wir als Spezies vom Aussterben bedroht wären und dank unserer alle anderen Arten überragenden technischen Innovationskraft alles tun müssten, um unsere Art zu erhalten.

Aber auch abseits der globalen ethischen

Meinung

Perspektive wirft das Thema viele Fragen auf: Die mittlerweile vielfältigen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung haben für Frauen vieles einfacher gemacht. Und gleichzeitig die absolut normalste Sache der Welt extrem verkompliziert. Die Planbarkeit von Familie impliziert logisch den individuell empfundenen bzw. gesellschaftlichen Druck, gefälligst ordentlich zu planen. Allein das technokratische Wortungetüm „Reproduktionsautonomie“, das im Zusammenhang mit social freezing gern bemüht wird, gaukelt eine Illusion vor, die sich im wirklichen Leben doch häufig als billiger Taschenspielertrick entpuppt.

Was ist das für eine pervertierte Gesellschaft, in der Frauen bzw. Paare den Gedanken verinnerlicht haben, dass sich in den 30 bis 35 fruchtbaren (bzw. in den vielleicht 15 bis 20 dafür medizinisch am besten geeigneten) Jahren partout nie der passende Zeitpunkt für Nachwuchs ergeben will? Dass immer berufliche und/oder finanzielle Gründe dagegen sprechen? Dass einen Kinder auf unzumutbare Weise dabei behindern, das eigene, ach so kostbare Ich zu pflegen und zu entfalten? Was ist das für eine heuchlerische Gesellschaft, die qualifizierte Frauen auf jeder Ebene der Wirtschaft braucht, aber immer noch höchstens halbherzig willens ist, strukturelle Bedingungen so zu gestalten, dass es normal ist, Kinder und einen Beruf zu haben? Und, nebenbei bemerkt: Die Pille o.ä. für den Mann ist immer noch nicht erfunden, aber Eizellen schockfrosten können wir. Das sagt auch etwas, und zwar nichts Gutes, über das nach wie vor männlich geprägte Weltbild der Medizin aus.

Noch bizarrer wird das Ganze, wenn man sich die Kehrseite der Medaille vor Augen führt: Gleichzeitig werden Kinder nämlich auch als eine Art heißbegehrte Trophäen, als Accessoire betrachtet — freilich nur, wenn sie den absurden Perfektionserwartungen ihrer Erzeuger entsprechen. Zwischen Müttern und Nichtmüttern verläuft häufig ein Marianengraben an gegenseitigem Unverständnis, Misstrauen und Missgunst. Eine kinderlose Frau muss sich ab einem gewissen Alter ständig rechtfertigen und übergriffige Fragen gefallen lassen. Und ungewollt kinderlose Frauen tun sich im Zeitalter der vermeintlichen menschlichen Omnipotenz vielleicht noch schwerer als früher damit, sich mit den Grenzen abzufinden, die die Natur ihnen setzt.

Es ist unsinnig, gegen social freezing an sich zu sein oder gar eine religiöse Kategorie in den Diskurs einzuführen. Der medizinische Fortschritt des 20. und 21. Jahrhunderts hat unzählige Menschenleben gerettet, die „Gott“ früher umstandslos genommen hätte. Social freezing schafft vielleicht keine neuen Probleme, es verschärft aber bestehende und löst jedenfalls keine.

Vielleicht hilft zur Klärung von Positionen in guter alter ciceronischer Manier die Frage: Cui bono – wem nützt es? Wem vor allem nützt es, wenn Wirtschaftsunternehmen sich unter dem Deckmantel eines großzügigen Angebots in die intimsten, existenziellsten Dinge ihrer Angestellten einmischen? Den Frauen? Sicher nicht!