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punktierte Linie

Vatikanische Sexualdiplomatie

Von Irene Heisz | In den innersten katholischen Machtzirkeln herrscht weiterhin Uneinigkeit über den Kurs in Sachen Sexualethik. Neu ist nur, dass der Vatikan das schonungslos kommuniziert.

Das Internetportal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung analysiert optimistisch: „Die bleierne Zeit ist zu Ende“. Die konservative katholische Plattform kath.net hingegen frohlockt erleichtert: „Roma locuta – die Synode sagt nein!“ Ganz so eindeutig und klar, wie es sich die einen wie die anderen zurechtinterpretieren, ist die katholische Weltlage nach der Bischofssynode zu Fragen der Familienpolitik und Sexualethik naturgemäß bei weitem nicht. Hier feiert vielmehr die im Leben auch sonst oft hilfreiche Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung fröhliche Urständ’. Jeder Kommentator pickt sich aus der „relatio synodi“, dem Arbeitspapier zum Abschluss der Synode 2014, exakt das heraus, was er eben gern hört.

Man kann von außen nur mutmaßen, wie heiß es in den vergangenen zwei Wochen unter den Synodalen, jenen Herrschaften, die sich als von Gott dazu beauftragt betrachten, der Welt das Heil zu bringen, hergegangen sein muss. Eine Ansammlung älterer bis alter Männer, die bevorzugt in bodenlangen Kleidern auftreten, kämpfte intensiv um Pfründe, die sie längst nicht mehr besitzt – das hätte beinahe etwas Rührendes, wenn es einem gelänge, die Brutalität und Gnadenlosigkeit auszublenden, mit der die Kirche ihren Anspruch auf die Deutungshoheit der menschlichen Sexualmoral über eineinhalb Jahrtausende durchzusetzen versuchte. Neulich in Rom herrschte ganz offensichtlich ein nicht minder brutales Hauen und Stechen, an dem die Öffentlichkeit regen, mitunter amüsierten, mitunter genervten oder auch bass erstaunten Anteil nehmen durfte. Im Stile feinster (oder unfeinster) Spitzendiplomatie wurden Positionen bezogen und durch öffentliche Aussagen zementiert, es wurden Gerüchte lanciert, Allianzen geschmiedet, Mehrheiten gesucht und Formulierungen so lange durch die Mangel gedreht, bis am Ende eine 62 Punkte umfassende „realtio synodi“ herauskam, die im Grunde besagt: Wir reden weiter. Denn auch vermeintlich ewige Wahrheiten sind immer Auslegungssache und meistens eine Frage von Verhandlungen.

Meinung

Zweiteres kommt für aufgeklärte Menschen nun nicht ganz überraschend. Und ersteres war immerhin schon vor der diesjährigen Synode klar, die immer als Vorbereitungkonferenz für eine weitere Synode im Herbst 2015 deklariert war. Höchst bemerkenswert ist allerdings, dass, angeblich auf dezidierten Wunsch von Papst Franziskus I., mit der „relatio“ auch die Abstimmungsergebnisse veröffentlicht wurden. 59 der 62 Punkte nahmen die Synodalen mit Zweidrittelmehrheit an. Das entspricht in den Spielregeln einer Synode einer qualifizierten Mehrheit (wie qualifiziert geistliche Würdenträger überhaupt sind, sich über Partnerschafts-, Familien- und Sexfragen zu äußern, ist eine andere Geschichte). Jene Punkte, die in der weltweiten Medienlogik die größte Aufmerksamkeit erregen, nämlich ein humanerer Umgang mit Homosexuellen und wiederverheirateten Geschiedenen wurden zwar auch verabschiedet, allerdings nur mit einfachen Mehrheiten.

Die Konservativen wehren sich natürlich mit Zähnen und Klauen dagegen, das, was sie für richtig erachten, einem unseligen Zeitgeist zu opfern, der sich, so hoffen sie, ja auch wieder zu ihren Gunsten ändern kann. Dass (auch) im innersten Machtzirkel der Kirche grobe Uneinigkeit über den einzuschlagenden Kurs herrscht und weiterhin herrschen wird, ist nicht neu. Verblüffend ist allerdings, dass diese Tatsache nicht mehr pastos-pastoral mit warmen Worten zugedeckt, sondern für katholische Verhältnisse regelrecht schonungslos benannt und kommuniziert wird.

Die Geister, die Franziskus mit dieser Bischofssynode in Rom und der dazugehörigen Öffentlichkeitsarbeit unerschrocken gerufen hat, werden die Kardinäle und Bischöfe dieser Welt nun nicht mehr so einfach los. Das ist tatsächlich mehr, als man von der Synode erwarten konnte – sofern man überhaupt noch die Geduld aufbringt, mit der katholischen Kirche irgendwelche Erwartungen zu verknüpfen.