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Regenwürmer, die vom Fliegen reden

Von Irene Heisz | Zur Bischofssynode in Rom: Für eine sinnvolle Einschätzung des wirklichen Lebens wäre Betroffenheitskompetenz von Vorteil.

In mitteleuropäischen Klerikerkreisen wird gelegentlich beklagt, dass sich die Medien viel zu sehr in die katholische Sexualmoral verbeißen. Dadurch entstehe der falsche Eindruck, dieser Teilaspekt der katholischen Lehre sei der einzig relevante.

Ist er natürlich nicht. Aber in Rom sind am Sonntag 253 Menschen – 222 Männer, gerade einmal 30 Frauen, überwiegend Bischöfe, Kardinäle und sonstige Amtsträger aus aller Welt sowie16 externe Expertinnen und Experten – zusammengekommen, um zwei ganze Wochen lang ausschließlich über dieses Thema zu diskutieren (mehr dazu ist hier zu finden). Mit der Einberufung der Weltbischofssynode räumt Papst Franziskus I. nicht nur indirekt ein, dass das große Feld der Sexualethik tatsächlich eines der wichtigsten ist, das die katholische Kirche zu beackern hat, und zwar in ihrem ureigenen Interesse.

Vorausgegangen war im Herbst 2013 eine in der Geschichte der Kirche wohl einmalige Aktion, die ebenfalls klar ausdrückt, wie brennend das Problem ist: Papst Franziskus hatte nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt weltweit Katholikinnen und Katholiken ausführlich zu ihrer Haltung zur Sexuallehre befragen lassen. Herausgekommen ist dabei das durch und durch Erwartbare und Logische. Was die katholische Kirche lehrt und mit Zähnen und Klauen verteidigt, hat mit der gelebten Wirklichkeit kaum etwas zu tun.

Hinzuzufügen ist: Das hatte es noch nie. Die katholische Sexualethik ist nicht erst in jüngster Zeit aus der Mode gekommen, sondern war schon zum Scheitern verurteilt, als Augustinus im 4. Jahrhundert dem christlichen Abendland seinen rigiden Sexualpessimismus aufdrängte. Nur war es bis zur Aufklärung und darüber hinaus deutlich einfacher als heute, die Menschen unter Druck zu setzen, ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden oder gar mit ewiger Verdammnis zu drohen. Bis vor wenigen Jahrzehnten erzwang ein enormer gesellschaftlicher Druck, der hierzulande ja bis weit ins 20. Jahrhundert untrennbar mit katholischen Moralvorstellungen verknüpft war, meistens zumindest eine Wahrung des Anscheins. Mittlerweile gilt als komischer Heiliger und Freak, wer meint, die katholische Sexuallehre auf Punkt und Komma befolgen zu müssen.

Nach außen hin, in der medialen Debatte im deutschsprachigen Raum, dominiert zurzeit der

Meinung

Eindruck, die Verweigerung der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene sei das Hauptproblem, das bei der Synode in Rom zu besprechen sei. Bevor ich das allerdings glaube, würde ich gern einmal valide Zahlen, wenigstens für Österreich, sehen: Wie viele wiederverheiratete Geschiedene besuchen denn überhaupt regelmäßig den Sonntagsgottesdienst und nehmen aktiv am pfarrlichen Leben teil? Wie viele von ihnen hängen tatsächlich so an den Sakramenten, dass sie ernsthaft darunter leiden, nicht zur Kommunion gehen zu dürfen?

Mein Eindruck ist: Dieser Teilaspekt ist eigentlich eine pastorale Nebelgranate, nicht allzu trefflich dazu geeignet, zu verbergen, was wirklich Sache ist: Einer sehr breiten Mehrheit ist es längst gründlich egal, was die Kirche zu ihren sexuellen Orientierungen, Gewohnheiten, bevorzugten Methoden der Empfängnisverhütung und dem Wechsel von Lebenspartnern zu sagen hat. Die Kirche hat dramatisch an Einfluss verloren. Und das kann der obersten Führung einer Religionsgemeinschaft, die sich als universell versteht, nicht egal sein.

Die Tragweite der Problematik ist dem Papst offenbar bewusst. Was immer er allerdings selbst denken und für richtig halten mag, seine persönlichen Mittel sind beschränkt. Und ob eine Bischofssynode ein brauchbares Instrument ist, einen zukunftsfähigen Ausweg aus der Sackgasse zu finden, ist zweifelhaft. Die Synode besteht aus einer Ansammlung (älterer bis alter) Männer, die keinen Sex haben dürfen, die ihr Leben nicht mit Partnerinnen oder Partnern teilen und keine Kinder haben dürfen. Und falls sie das eine und/oder andere doch tun, dann immer unter dem Fanal des strikten Verbots, immer in unwürdiger, schlimme Neurosen begünstigender Heimlichkeit. Man muss nicht selbst das hohe C singen können, um zu hören, ob es der Tenor getroffen hat. Aber für eine Beurteilung des wirklichen Lebens ist Betroffenheitskompetenz doch ein unschätzbar wertvoller Vorteil. Wie also sollen Kirchenmänner wahrhaftig und glaubwürdig über das reden und befinden, was den Menschen buchstäblich existenziell ausmacht: das Leben mit Sex oder auch einmal ohne, in langjährigen oder auch kürzeren Partnerschaften, mit Kindern?

Die Voraussetzungen sind ähnlich günstig, wie wenn man versuchte, von einem Regenwurm An- und Einsichten über das Fliegen zu erfahren.