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Es ist bloß
Sex. Aber.

Von Irene Heisz | Ich habe eine rundum befriedigende Affäre mit dem Online-Buchhandel in Gestalt von Amazon.

Also gut, ich gebe es zu: Ich gehe manchmal fremd. Ich liebe meine stationären Buchhändlerinnen und Buchhändler, ehrlich, sie werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen und in meinem Einkaufsverhalten haben. Aber mitunter treibe ich es kurz und heftig mit Amazon.

Ich bin eine formal konservative, anspruchsvolle und wählerische, aber unersättliche Liebhaberin. Ich misstraue Bestsellerlisten, lese aber Unmengen von gedruckten Büchern und behalte auch die allermeisten, was nur deshalb überhaupt möglich ist, weil ich nicht in einer Garconniere lebe. Zu einem Kindle hat mich Amazon (noch) nicht überreden können, aber danke der Nachfrage: Meine Affäre funktioniert absolut unkompliziert und zuverlässig und hat sich längst zu einer dauerhaften, ziemlich stabilen Zweitbeziehung entwickelt.

Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit der Moralkeule von wegen Ausnutzung eines Quasi-Monopols, Ausbeutung von Autorinnen und Autoren durch Preisdrückerei bei den Verlagen, miserable Arbeitsbedingungen für das Personal etc. etc. Über Monopole empören sich immer nur die, denen es nicht gelungen ist, sich selbst Ausschließlichkeit zu erarbeiten und diese zu behalten. Der durchschnittliche Nicht-Bestseller-Autor mit einem durchschnittlichen Verlagsvertrag verdient an seinen Werken ohnehin so wenig, dass ein paar Cent mehr oder weniger auch schon keine Rolle mehr spielen.

Und was die Arbeitsbedingungen in deutschen Amazon-Logikstikzentren betrifft (von denen aus auch Österreich beliefert wird): Das Menschenbild des Kapitalismus ist – das ist ja nun weder neu noch überraschend – nicht einmal unmoralisch, sondern schlicht amoralisch. Es ist Aufgabe der Politik, dem ungebremst galoppierenden Irrsinn energisch Einhalt zu gebieten. Und stationäre Buchhandlungen sind auch keine gemeinnützigen Vereine, sondern selbstverständlich ebenfalls

Meinung

gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen, von denen sich die allermeisten die – liebenswerte, aber brotlose – puristische Sprödheit, Bücher zu verkaufen und sonst nichts, schon lange nicht mehr leisten können oder wollen.

Das wichtigste Argument jedoch, mit dem die Betreiberinnen und Betreiber stationärer Buchhandlungen für die Unauflöslichkeit der Kunden-Ehe mit dem stationären Buchhandel werben, ist nach wie vor die fachliche und Beratungskompetenz der dort arbeitenden Menschen. Und es gibt (neben immer mehr solchen, denen man die Namen von Klassikern buchstabieren muss) nach wie vor viele sehr kompetente Buchhändlerinnen und Buchhändler, mit denen zu fachsimpeln allemal lustvoll und befriedigend ist. Die schlechte Nachricht allerdings ist: Selbst dieser Joker sticht nicht mehr. Die seelenlosen Algorithmen, die mein Stöber- und Kaufverhalten im Online-Buchhandel beobachten, analysieren und daraus Empfehlungen für mich ganz persönlich ableiten, führen immer wieder zu den erstaunlichsten und sehr fruchtbaren Neuentdeckungen auf dem großen Weltmarkt der Literatur. Es ist zweifellos ein bisschen unheimlich, aber eine Tatsache: Amazon liegt häufig absolut richtig mit kühl kalkulierten Vermutungen, was mich „auch interessieren“ könnte.

Und während ich bis zur nächstgelegenen kleinen Buchhandlung zehn Kilometer mit dem Auto fahren und dann in der Regel einige Tage später noch einmal hin muss, weil die von mir gewünschten, häufig fremdsprachigen Bücher so gut wie nie lagernd sind, pflege ich meine Affäre zu jeder Tages- und Nachtzeit gemütlich vom Schreibtisch oder von der Couch aus und bekomme aus aller Welt nach Hause geliefert, was immer ich möchte.

Sagen wir’s, wie es ist: Es ist bloß Sex, mit Liebe hat das alles nichts zu tun. Aber Amazon weiß, was Leserinnen wünschen. Und er ist verdammt gut darin.