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Dieselben Chancen. Wie vorher.

Von Irene Heisz | Mit dem neuen Schuljahr startet auch die Bildungsmodellregion Zillertal. Das wäre witzig, wenn es die Tiroler Landesregierung nicht ernst meinte.

Ein Modell, erklärt mir Wikipedia, „ist ein beschränktes Abbild der Wirklichkeit. Dies kann gegenständlich oder theoretisch geschehen.“ Das ist zwar kein korrektes Deutsch, aber trotzdem erhellend, auch und gerade im Zusammenhang mit der Bildungsmodellregion Zillertal (mehr Informationen zu diesem Thema sind hier zu finden), die mit Beginn des Schuljahres 2014/15 Gestalt annimmt.

„Modellregion“ klingt toll, nach Innovation, nach kühn avantgardistischem Vorpreschen gar. Die Fakten freilich sind und bleiben mager, von welcher Seite man das Modell auch betrachtet. Das Zillertal ist zweifellos eine Region. Es gibt dort diverse Bildungseinrichtungen. Das Modellhafte am theoretischen Konstrukt allerdings ist ziemlich beschränkt. Was Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) und die Bildungslandesrätin, Platters Parteikollegin Beate Palfrader, nicht daran hindert, sich selbst nach Kräften dafür zu loben, eine „gemeinsame Schule für Zehn- bis 14-Jährige“ eingeführt zu haben. Dass das (Achtung, Gesamtschule!!!) in ÖVP-Kreisen angeblich für ein Rumoren gesorgt hat, sagt alles über den Zustand der Partei, aber nichts über die Gewagtheit des Tiroler Vorstoßes aus.

Praktisch, quasi gegenständlich, stellt sich die neue Bildungsmodellregion nämlich so dar: Bisher besuchten zwischen 85 und 90 Prozent der Kinder aus dem vorderen Zillertal und mehr als 95 Prozent derer aus dem hinteren Zillertal die jeweils nächstgelegene Sprengelhauptschule bzw. Neue Mittelschule und wechselten dann mit 14 Jahren in der Regel problemlos zum Beispiel an die Zillertaler Tourismusschulen, an eines der (Oberstufen-)gymnasien in Schwaz bzw. Wörgl, ans elitäre Privatgymnasium Paulinum oder an eine BHS oder HTL. Je nach Neigung und Begabung. Künftig werden gleich viele Zillertaler Kinder dieselben Mittelschulen besuchen und mit 14 Jahren in dieselben höheren Schulen wechseln (oder wie bisher irgendwo das neunte Pflichtschuljahr absitzen und dann eine Lehre beginnen). Eine echte, wenn auch nicht systemische, sondern lediglich geographische Neuerung wird die Oberstufenklasse sein, die – allerfrühestens im

Meinung

Schuljahr 2015/16 – in Zell am Ziller eingerichtet werden soll. Die Klasse wird voraussichtlich als so genannte dislozierte Klasse des Schwazer Bundesoberstufenrealgymnasiums geführt werden und Schülerinnen und Schülern einerseits den Schulweg verkürzen. Andererseits erwarten sich die Zillertaler Tourismusschulen davon eine Entzerrung: Bisher machen dort viele Jugendliche Matura, die gar nie vorhaben, im Tourismus zu arbeiten, sondern anschließend studieren.

Durch die Bildungsmodellregion Zillertal, sagt der Landeshauptmann, beweise Tirol, dass eine gemeinsame Schule Kindern „ungeachtet ihrer Herkunft und ihres sozialen Umfeldes dieselben Startbedingungen für ihre schulische und berufliche Laufbahn vermitteln“ könne. Das stimmt. Die Zillertaler Kinder haben jetzt dieselben Startbedingungen. Wie vorher. Denn die Modellregion löst ein Problem, das es in ländlichen Regionen gar nicht gibt. Die Mittelschulen auf dem Land (beileibe nicht nur im Zillertal) waren bekanntlich allein aus Gründen der Erreichbarkeit immer schon ganz selbstverständlich die gemeinsame Schule für den größten Teil der Zehn- bis 14-Jährigen, egal aus welcher Art von Elternhaus, und werden es auch künftig sein. Und wem eine öffentliche Schule durchaus nicht adäquat für die Bildung seiner Sprösslinge erscheint, dem wird auch weiterhin der Weg ins Paulinum nicht zu weit und das Schulgeld nicht zu teuer sein. Der Unterschied zwischen „Vorher“ und „Nachher“ ist nicht zu erkennen, da hilft kein noch so raffiniertes geistiges Photoshopping mit Begriffen wie „wohnortnah“, „individualisiertes Lernen“ und „Fortbildungsprogramme“ für Lehrerinnen und Lehrer (es ist ja nicht so, dass diese bisher nicht dazu angehalten wären, sich regelmäßig fortzubilden).

Man möchte sich in der Kinderabteilung der Weltliteratur bedienen und ungläubig herausplatzen: „Aber der Kaiser ist ja nackt!“ Oder, für die bildungsbürgerliche Elite unter uns (irgendwelche Pauliner da?!), seufzend eingestehen, dass dem Nichts mit Logik nicht beizukommen ist. Das Nichts nichtet eben allzeit fröhlich vor sich hin. Auch im Zillertal.