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…aber mach mich nicht nass

Von Irene Heisz | Die „Ice Bucket Challenge“ ist eine Mischung aus pubertärem Partyspiel und öffentlicher Nötigung. Weder sympathisch noch amüsant, trotz des guten Zwecks.

Ja ja, freilich ist der Zweck ein guter. Man kann und mag sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen, was Betroffene der unheilbaren und häufig binnen wenigen Jahren tödlichen Nervenerkkrankung Amyotrophe Lateralsklerose  und Angehörige von ALS-Kranken durchmachen. Und natürlich ist die Ice Bucket Challenge ein im Grunde harmloser Spaß. Aber.

Ich habe Kettenbriefen schon misstraut, als sie in grauer Vorzeit noch von Hand geschrieben und von Kinderhand zu Kinderhand weitergereicht wurden. Und ich fand Trinkspiele schon immer eine sehr schwache bis ungustiöse Ausrede für enthemmtes Saufen. Die global-digitale Version von Saufspiel-Kettenbriefen, so genannte Neknominations  wurde mit Social Media populär und präsentiert sich heute als eine Art Mischung aus spätpubertärem Partyspiel und öffentlicher Nötigung. Das macht die Sache weder sympathischer noch amüsanter. Wenn dann noch das Etikett „Charity“ darauf klebt und Prominente und solche, die es gern wären, am liebsten vor Seitenblicke-Kameras für den Weltfrieden Austern schlürfen, drängt es mich auch dazu, zu einem Kübel zu greifen. Aber zu einem leeren. Zum Drüberbeugen.

Eiswasserkübel (ice buckets) hingegen sind gerade der letzte Schrei (den die Eiswasserkübelschütter dann auch gern theatralisch ausstoßen) unter US-Milliardären, Popstars, Journalisten und Politikern. Das Prinzip ist: Leere dir vor laufender Videokamera einen Kübel Eiswasser über den Kopf, lade das Filmchen auf youtube bzw. Facebook hoch und rufe öffentlich zwei andere Menschen dazu auf,

Meinung

dasselbe zu tun – oder spende Geld an eine ALS-Forschungseinrichtung.

Man kauft sich also theoretisch mit einem Kübel Eiswasser von einer Spende frei; praktisch, so heißt es, tun die Leute beides – Eiswasser schütten und spenden. Dagegen ist logischerweise nichts einzuwenden. ALS ist selten und daher normalerweise nicht im Fokus der Pharmaindustrie, sprich: des Geldes. Warum aber kann Mark Zuckerberg seinem Kumpel Bill Gates nicht einfach privat ein Mail schreiben, von der niemand außer der NSA je erfährt: „Hey, Alter, lass uns doch mal ein paar serious bucks für ALS-Kranke spenden. Tut uns ja nicht weh.“ Oder Armin Wolf den Kolleginnen und Kollegen der ZiB-Redaktion ans Herz legen, sich einmal die Situation von ALS-Betroffenen in Österreich anzuschauen und dem Thema journalistisch Öffentlichkeit verschaffen? Oder Umweltminister Andrä Rupprechter beim nächsten Ministerrat die Kollegen Bundesminister darauf ansprechen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Sachen ALS auf deren Tauglichkeit für Betroffene zu prüfen?

Das Motto lautet jedoch offensichtlich: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Oder nur ein bisschen. Und halte ein vorgewärmtes Frotteetuch griffbereit für mich. Es geht den Herrschaften im Grunde weniger um ALS, als darum, der angemessen beeindrucktenÖffentlichkeit zu beweisen, dass sie wahnsinnig coole Typen sind. Dass sie auch mit Tropfhaar und in nassen T-Shirts sexy ausschauen. Kurz: dass sie eben keine Warmduscher sind. Dann wissen wir das jetzt also auch. Danke, das wäre nicht nötig gewesen.