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punktierte Linie

Pfiat di Göttin, schöne Gegend!

Von Irene Heisz | Ursula Beilers Installation „Grüss Göttin!“ an der Autobahn bei Kufstein hat ihren Zweck rundum erfüllt.

Entgegen anderslautenden Vorurteilen über die Humorlosigkeit von Frauenrechtlerinnen gibt es auch feministische Witze. Einer davon, ein ziemlich alter sogar, geht kurz und knackig so: Als Gott den Mann schuf, hat sie nur geübt. Hinzuzufügen ist (immer vorausgesetzt, der Mensch denkt überhaupt in theistischen Kategorien): Als Gott oder die Göttin dem Menschen Kreativität und Humor gab, hat er/sie in uns auch die Fähigkeit angelegt, mit Kunst und Witz zu provozieren – und einigen von uns das tief verwurzelte Bedürfnis mitgegeben, jeder echten oder auch bloß vermuteten Provokation reflexartig mit Schaum vor dem Mund zu begegnen. Dialektik ist eben die halbe Miete.

Entsprechend groß muss bei letzteren Exemplaren seiner/ihrer Schöpfung die Enttäuschung darüber sein, dass sie mir nichts dir nichts Ursula Beilers „Grüss Göttin!“ beraubt wurden. Vor wenigen Tagen wurde die an sich auf Zeit angelegte Installation der Künstlerin wegen einer nicht rechtzeitig bei der Behörde beantragten Verlängerung abmontiert. Beiler hatte damit im Andreas-Hofer-Gedenkjahr 2009 an der Autobahn bei Kufstein einen kleinen feministischen Kontrapunkt zum patriarchalen, testosterongetränkten Gedenkdiskurs gesetzt. Die landesübliche Grußformel, die in Tirol sogar vielen Atheisten automatisch über die Lippen kommt, zu verweiblichen, war im Grunde nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als eine gedankliche

Meinung

Stolperfalle. Sie hat erwartungsgemäß zugeschnappt und die Toleranz derer, die sich für besonders rechtschaffen und ihre Weltsicht daher für die einzig zulässige halten, weit überfordert. Damit hat die Installation ihren Zweck rundum erfüllt – bei denen, die darin ein erfreuliches Zeichen von Charme und Witz sahen, mit dem Einheimische und (Durch-)Reisende an der östlichen Landesgrenze empfangen wurden. Und eben auch bei denen, die unter wohligen Erregungsschauern „Blasphemie“ und „Skandal!“ schreien, wenn ihnen etwas nicht in ihren ängstlich verteidigten Kram passt.

Einmal abgesehen davon, dass „Grüss Göttin!“ selbstverständlich ein weltlicher Gruß und nicht etwa die Abwandlung einer liturgischen Formel ist, würde ich gern den zeitgenössischen Theologen (oder die Theologin) kennen lernen, die ernsthaft der kindischen Vorstellung das Wort redet, dass das Schöpferwesen ein alter Mann mit Rauschebart sei. Gut, das intellektuelle Hilfskonstrukt des „intelligenten Designs“, das heutzutage von Konservativen gelegentlich gern genommen wird, ist logisch auch nicht allzu weit weg vom bärtigen Greis. Aber das ist eine andere Diskussion. Und ich bin mir relativ sicher: „Grüss Göttin!“ rüttelt nicht an den morschen Grundfesten des christlichen Abendlandes. Bloß an den Brettern vor den Köpfen derer, die sich vor geistiger Frischluft fürchten.